Anspache von Ernst Cramer
bei der Verleihung des
"German Jewish History Award"
(gestiftet von der
Obermayer Foundation, Boston, USA)
am
27. Januar 2002
im
Abgeordnetenhaus von Berlin

Heute ist, wie wir wissen, der 27. Januar. Dies ist ein Tag der Erinnerung. Nicht nur, weil es der Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart ist - geboren 1756. Und auch nicht nur, weil es Kaisers Geburtstag ist - der spätere Wilhelm II. wurde am 27. Januar 1859 geboren, - ein Geburtstag, der in meiner Jugend trotz Weimarer Republik immer begeistert gefeiert wurde.

Für uns heute ist es ein Tag des Erinnerns an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetrussische Truppen am 27. Januar 1945, fast auf den Tag 12 Jahre nach der Ernennung Adolf Hitlers zum deutschen Reichskanzler.

Dies ist also der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus; für alle Opfer, selbstverständlich.

Dass ich dabei als Sohn und Bruder jüdischer Opfer besonders an die umgebrachten Juden denke, dafür bitte ich um Verständnis.

In vielen Orten in Deutschland wird heute daran erinnert, daran gedacht. Überall wird die unbeantwortbare Frage gestellt: wie war so etwas bei uns in Deutschland möglich?

Vor fünf Tagen gab es ein anderes Gedenken. Am 22. Januar 1942 - also vor 60 Jahren - fand die berüchtigte Wannsee-Konferenz statt; das war eine Zusammenkunft von 15 hohen und doch irgendwie subalternen deutschen Staats-und SS-Beamten. Einziges Thema der Konferenz war die geplante Ermordung von 11 Millionen europäischer Juden.

Widersprochen habe keiner der Teilnehmer, erinnerte sich Adolf Eichmann später, und sagte wörtlich: "Das ging sehr ruhig, sehr höflich… zu, und es wurden nicht viele Worte gemacht; es dauerte auch nicht lange; es wird ein Cognac gereicht durch die Ordonnanzen, und dann ist die Sache eben vorbei."

So einfach beschließt man Völkermord.

Heute also erinnern wir uns an die Befreiung von Auschwitz und danken Gott dafür, wohl wissend, dass die Eroberung dieses bekanntesten der national- sozialistischen Vernichtungslager noch nicht das Ende des Unrechts bedeutete.

Nach der Befreiung von Auschwitz hörte ja das Morden nicht auf, obwohl schon vor jenem Tag jedermann klar war, dass das "Tausendjährige Reich" nur noch kurz weiterleben würde.

Fast bis zum letzten Tag des Krieges wurden von nationalsozialistischen Fanatikern und deren Bütteln Menschen umgebracht, in Lagern, in Gefängnissen, auf den berüchtigten Todesmärschen.

Bis heute weiß man nicht genau, wie viele Menschen, wie viele Millionen von den Nazis getötet wurden.

Ich rede von ideologisch motiviertem Mord, nicht vom Krieg, dem weitere Millionen zum Opfer fielen.

Ich rede vom Mord an politischen Gegnern; Mord an so genannten
Arbeitsscheuen; Mord an Homosexuellen; Mord an Sinti und Roma,
die man damals Zigeuner nannte.

Mord schließlich an denen, die Hitler zeit seines Lebens als Hauptgegner ausgemacht hatte und deren Vernichtung er sogar noch in seinem Testament forderte, nämlich Mord an den Juden.

Ich weiß, wovon ich rede: meine Mutter, mein Vater, mein Bruder, sie alle gehören zu den etwa sechs Millionen europäischer Juden, davon etwa 140.000 aus Deutschland, die umgebracht wurden.

Wenige Tage vor Ostern 1942 wurden sie von unserer Heimatstadt aus
irgendwohin nach Polen verbracht. Seitdem ist Stille.

Die Melancholie, die Trauer und das Entsetzen darüber verlassen mich nie.

Aber tiefe Melancholie umfängt mich auch bei dem Gedanken, wie tief
Deutschland, unser Deutschland, damals gefallen war, dass in seinem Namen und durch seine Söhne derartige Untaten verübt werden konnten.

Gleichzeitig möchte ich aber etwas anderes sagen, festhalten:

Von den Gräueln in Auschwitz und den anderen Vernichtungslagern, von den Massenerschießungen auf freiem Feld und ähnlichen Untaten wusste die Mehrheit der deutschen Bevölkerung damals nichts, sollte und konnte nichts wissen.

Während es gewiss leider genügend "willige Vollstrecker" für Hitlers
Verbrechen - um Daniel Goldhagens Wort zu verwenden - gab, wurde die große Mehrheit der Deutschen nicht zu solchen willigen Vollstreckern, -
sie hatten nämlich gar keine Möglichkeit dazu.

Von den schlimmsten Gräueln wusste also die Mehrheit nichts.

Was man allerdings überall in Deutschland sehr wohl wusste, waren die Demütigungen und Entrechtungen, die schon 1933 begannen.

Man wusste von den Boykotten, von den Berufsverboten und schließlich auch von den Deportationen.

Das Unrecht begann nicht erst in Auschwitz, sondern es begann mit der Entrechtung in den Heimatorten, - und das konnte jeder sehen und wissen.

Das geschah vor aller Augen.

Wir sind also versammelt an einem Gedenktag, der auch gleichzeitig ein Danktag, Dank für die Befreiung, ist.

Wir sind versammelt in diesem Sitzungssaal der Berliner Abgeordneten,
in dem bis 1933 der Preußische Landtag arbeitete.

Mit Dank habe ich gesehen, dass draußen die Flaggen, die deutsche und die Berliner, auf Halbmast stehen.

Hier wurde unter der Führung des großen Ministerpräsidenten Otto Braun,
des Mannes, der 1925 als Reichspräsidentenkandidat gegen Paul von Hindenburg antrat, mit viel Hingabe versucht, das monarchisch geprägte Preußen in eine funktionierende Demokratie umzuwandeln.

Unter dem Ministerpräsidenten Hermann Göring wurde das schnell wieder zunichte gemacht.

Seit 1990 lebt das Berliner Stadtparlament hier in diesen Räumen moderne Demokratie vor.

Es steht übrigens gerade jetzt mit der Macht- und Verantwortungs-beteiligung der PDS, der Fortsetzungspartei der kommunistischen SED, vor seiner seit Jahrzehnten größten Herausforderung.

Auch mit dieser ungewöhnlichen Herausforderung - davon bin ich überzeugt - wird diese bewährte demokratische Institution, das Berliner Parlament, fertig werden.

Wir sind aber zusammen gekommen, nicht nur um zu gedenken, sondern auch um zu danken.

Dieser Dank gilt zunächst denen, die heute ausgezeichnet werden.

Es ist tiefer Dank dafür, dass sie in ihren Lebenskreisen die Erinnerung an
die jüdischen Menschen wach halten, die früher dort gelebt und mitgewirkt hatten.

Sie stehen hier stellvertretend für viele andere, die Vergleichbares an manchen Orten Deutschlands tun.

Sie stehen auch hier als Beispiele dafür, wie man sinnvoll mit dieser Vergangenheit umgehen kann und sogar muss.

Wir danken ihnen um der Vertriebenen, der Verfolgten, der Ermordeten willen: aber auch um Deutschlands willen.

Denn was Juden leisteten - nicht nur die berühmten wie Max Liebermann oder Gustav Mahler, oder Albert Einstein oder Emil Rathenau (um nur ein paar zu nennen) -, sondern auch der Kaufmann an der Ecke, der Hausarzt, der Familien-Anwalt - was sie alle taten, das gehört zur deutschen
Geschichte.

Juden in Deutschland waren eben Deutsche wie andere auch, obwohl sie immer wieder von vielen als Außenseiter angesehen und deshalb verfolgt wurden.


Ihnen, die Sie heute ausgezeichnet werden, danke ich also sehr.

Einem alten jüdischen Brauch folgend zähle ich Sie zu den Gerechten der Völker.

Dank gebührt auch den Verantwortlichen des Berliner Abgeordnetenhauses,
an der Spitze dem Präsidenten.

Dank also, lieber Walter Momper,dass diese Preisverleihung wieder in diesem schönen Rahmen stattfinden kann.

Ganz besonderer Dank gilt aber schließlich dem Initiator und Stifter dieser Auszeichnung, Dr. Arthur Obermayer, dem Mann, der in der Stadt seiner Vorfahren, im württembergischen Creglingen, ein jüdisches Museum gegründet hat.

Jenem Creglingen, das durch den Altar des Tilmann Riemenschneider
weltberühmt wurde.

Dieser Preis sollte in der Öffentlichkeit weit mehr bekannt werden, als er ist,
bekannter in Deutschland, aber auch in den USA, in Israel, überall, wo
Juden leben.

Heute und hier danken wir Ihnen, lieber Arthur, dafür, dass Sie die Idee für den German Jewish History Award, des deutsch-jüdischen Geschichtspreises, hatten und in die Tat umsetzten.

Denn das ist wichtige internationale Verständigungsarbeit.

Das ist eine sehr positive Begleitaktion auf dem Wege zu einer trans-atlantischen Bürgergesellschaft, und es ist, wie der Stifter selbst sagt, ein Werk der Versöhnung.

Dank dafür auch, dass Sie die Preise vergeben, dass Sie sich ganz persönlich um die Verleihung kümmern und mit Ihrer Frau heute hier sind.

Dank schließlich auch dafür, dass Ihre Stiftung, die Obermayer-Foundation,
die anfallenden Kosten übernimmt.

Ganz persönlich danke ich Ihnen auch dafür, dass Sie in Ihrem Stiftungsrat
jüdische Menschen aus vielen Ländern der Welt beigezogen haben.

Denn in großen Teilen der Welt, besonders der jüdischen Welt, weiß man sehr wohl, dass es hierzulande - wie leider anderswo auch - immer wieder antisemitische Auswüchse und xenophobische Ausschreitungen gibt.
Aber über die meist stille Arbeit von Menschen wie denen, die heute hier ausgezeichnet werden, ist viel zu wenig bekannt. Dabei bin ich davon überzeugt: Gerade sie repräsentieren das wahre heutige Deutschland.

So sind wir also hier versammelt, - in Trauer gedenkend, für vieles dankend
und mit Hoffnung in die Zukunft blickend.

Ihnen allen, vor allem dem Stifter und den Ausgezeichneten,
wünsche ich Gottes Segen.

God bless you all.

Boruch Haschem