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Verleihung der
Obermayer
German Jewish Community History Awards
Abgeordnetenhaus Berlin,
27. Januar 2002
Dr. Michel Friedmann
Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland
Am 27. Januar
ist der größte Friedhof der
Welt befreit und die Menschheit gezwungen worden, sich diesem Friedhof
zu stellen.
Als ich als 10jähriger nach
Deutschland kam, dies war Mitte der 60er Jahre,
und man erfuhr - meist die Lehrer und Lehrerinnen und die Eltern meiner
Schulfreunde - daß ich ein jüdischer Junge war, gab es eine fast immer
wiederkehrende Reaktion mit dem Satz: "Auschwitz, Auschwitz habe
ich nicht gewollt." Und Sie werden sich wundern, wenn ich Ihnen
heute abend sage, ich habe den meisten geglaubt, daß sie Auschwitz nicht
gewollt haben. Aber was besagte schon der Satz, "Auschwitz habe
ich nicht gewollt"? Reichte denn das, was vor Auschwitz war,
nicht schon aus, um aufzuschreien?
Auch heute diskutieren wir,
erinnern wir, mahnen wir den Endpunkt der Gewalt. Lassen Sie uns über
die Anfangspunkte von Gewalt reden und die Hinnahme von wieder und wieder
Anfangspunkten in der Gesellschaft zu jeder Zeit und dann das Erschrecken
und Erstaunen über die Verselbständigung des letzten, des Endpunktes
von Gewalt.
Wann beginnt die Ermordung
von Menschen, wann begann die Ermordung von Menschen im Dritten Reich?
In Auschwitz, als die Gaskammern auf Hochdruck arbeiteten oder als die
Lokomotivführer, Beamte des Deutschen Reiches, nach Fahrplan ihre Ware
ablieferten, oder 42 bei der Wannseekonferenz als beamtete Politiker
und Staatssekretäre die "Endlösung" beschlossen haben, oder
am 9. November, als die Synagogen brannten, mitten unter uns: Gotteshäuser!
Wo waren die Christen? Oder 1935 - bei den Nürnberger Rassegesetzen,
wo plötzlich Ehen geschieden wurden, weil einer Jude oder Jüdin war?
Oder beim Boykott, wo man nicht mehr einkaufte in jüdischen Geschäften,
oder als die Nachbarn abgeholt wurden und man die Türen verschloß? Wann
begann die Ermordung von Menschen, wenn man nicht mehr zum Arzt ging,
weil er Jude war, sich von ihm nicht mehr behandeln ließ, weil er Jude
war? Wie viele Anfangsmomente, wieviele Anfangspunkte der Gewalt fanden
statt!
Wann beginnt dieses Ausgrenzen
von Menschen, schleichend, unauffällig, unschuldig gar, wann waren die
Juden nicht mehr Deutsche? Waren Juden je Deutsche in den Augen
der meisten Deutschen oder nur in ihren eigenen? Wann brach die Selbstbestimmung
und die Fremdbestimmung so dramatisch auseinander; sprach man je und
wirklich von den Deutschen und nannte seine Religionszugehörigkeit nur,
wenn sie eine wirklich inhaltliche Information war, wie bei einem Katholiken?
Sind diese Fragen, die ich jetzt gestellt habe, Geschichtsfragen, Vergangenheit,
oder ist nicht eine der Lehren, die wir konstruktiv, mutig und offensiv
auch für unsere Zeit übersetzen müssen: wann beginnt heute die Ermordung
von Menschen, wann beginnt heute die Ausgrenzung von Menschen? Schleichend,
unauffällig, harmlos scheinbar und doch tödlich für über 100 Menschen
in unserem Land, die aufgrund von menschenverachtender Gewalt in den
letzten 10 Jahren mit ihrem Leben dafür bezahlt haben? Wann beginnt
die Ermordung von Menschen, wenn menschenhassende Vereinigungen, wie
die NPD, unter dem Deckmantel einer Partei, mit allen Privilegien dieser
Partei seit Jahrzehnten unter uns wirken?
Welch eine Blamage, welch
unverständlicher Skandal, welche eine Fahrlässigkeit, welch eine unverständliche
Situation, daß, wenn sich diese Gesellschaft endlich dazu bekennt, sich
gegen diese NPD zu wenden, wir mit diesen katastrophalen Nachrichten
konfrontiert werden, wie wir sie seit einer Woche Tag für Tag hören
müssen!
Wann beginnt die Ermordung
von Menschen heute? Wenn Synagogen, Gemeindehäuser mit Polizei geschützt
werden müssen: jüdische Gotteshäuser! Keine Kirche! Gott sei Dank!
Aber Synagogen: um Gottes Willen! Kein Bischof und Kardinal muß geschützt
werden. Gott sei Dank! Aber warum Repräsentanten des Judentums?
Wann beginnt heute die Ermordung von Juden und von Menschen in unserem
Land? Sind wir, die wir heute in Deutschland leben, über 100 000 Menschen,
die drittgrößte jüdische Gemeinschaft in Westeuropa - welch ein Vertrauensvorschuß
in diese Gesellschaft! - sind wir heute in der Sicht der anderen: deutsche
Staatsbürger oder Juden?
Schreibt man im Feuilleton
der FAZ oder der Süddeutschen, wenn Woody Allen einen neuen Film macht:
der amerikanische Regisseur oder schreibt man immer noch dazu: der jüdische
Regisseur? Ich habe nichts dagegen, wenn der Film einen Bezug dazu bringt,
aber die Neurosen der Großstadtmenschen sind kein spezifisch jüdisches
Thema. Und warum schreibt man nicht, wenn ein nicht-jüdischer Regisseur
einen Film macht, daß er Katholik oder Protestant ist? Mit beidem bin
ich einverstanden, aber mit der Unterschiedlichkeit nicht.
Wo beginnt heute die Ausgrenzung,
sind nicht die Juden wieder in der Rolle der Mahner, sagen nicht viele
Deutsche in unserem Land, wenn die Juden endlich aufhören könnten, über
die Vergangenheit und Geschichte zu reden, wir haben genug! Stimmt dieses
Bild überhaupt? Und was heißt wir, und gehören die Juden nicht
zum wir?
Um so wichtiger, meine Damen
und Herren, ist es, daß es Menschen in unserem Land gibt, die den Mut,
die Kraft und die Ausdauer haben zu begreifen, daß Geschichte aufarbeiten
und sich zur Geschichte stellen keine Bedrohung sondern eine Herausforderung
ist, eine große Chance.
Und daß sie trotz vieler Ablehnung
- je kleiner der Ort übrigens - auch übersetzen, daß Geschichte auch
immer Familiengeschichte ist, daß wir alle gemeinsam heute in Deutschland
leben auf den Wurzeln von Familiengeschichten.
Ich erinnere mich, wie ich
oft von Schuldirektoren angerufen werde gerade zu Gedenktagen wie heute,
ob ich denn nicht ein paar Zeitzeugen aus der jüdischen Gemeinde vermitteln
könne. Und dann kommt der Hinweis, es gäbe doch so wenige von ihnen.
Und wie ich diesen Schuldirektoren oft dann hinterher sage: wieso wenige?
Warum rufen Sie Ihren Vater und Ihre Mutter nicht an? Sind Zeitzeugen
nur die Juden in Deutschland?
Niemand kann sich aus seiner
Geschichte und auch aus seiner Familiengeschichte entziehen. Aber wenn
Geschichte einen guten wie einen schlechten Sinn macht, dann um uns
zu motivieren, uns zu bekräftigen, uns zu stärken in der Orientierung
unserer gegenwärtigen Werte.
Wenn wir fünf Jahrzehnte nach
diesem 27. Januar 1945 mit allen Rückschlägen, mit aller Doppelmoral,
mit aller Heuchelei, denn doch hier so zusammenkommen können,
dann ist das das Verdienst von vielen, vielen Menschen, die nicht
bereit waren, sich entmutigen zu lassen, die nicht bereit waren zu verdrängen,
die nicht bereit waren aufzugeben, sich in der kollektiven Amnesie dieser
Gesellschaft einzureihen, sondern ein Stachel zu bleiben, nicht für
die jüdische Gemeinschaft, sondern für die Gesellschaft der Bundesrepublik
Deutschland insgesamt.
Entweder sind wir in der Lage,
gemeinsam, trotz unterschiedlicher Situationen und persönlicher
Erinnerungen und Erfahrungen, zu gedenken oder das Gedenken hat keine
Zukunft.
Entweder sind wir in der Lage,
aus der Erfahrung der Vergangenheit eine Sehnsucht, eine leidenschaftliche
Sehnsucht zu entwickeln, daß das Abweichen und die Vielfalt in der Gesellschaft
und die Vielfarbigkeit die einzige Chance für eine lebendige und humane
Gesellschaft ist - oder wir werden in irgendeiner Art und Weise wieder
in Anfänge von Gewalt verfallen, werden wieder so tun, als ob wir das
nicht merken und werden an irgendeinem Endpunkt von Gewalt scheitern
und wieder so tun, als ob es die anderen gewesen sind.
Darum danke ich all denen,
die sich die Mühe für uns alle gemacht haben zu erinnern und aufzuspüren
im Alltag, im schleichenden Alltag: die Diskriminierung,
die nicht nur im Alltag immer unauffälliger zu werden scheint, sondern
von immer mehr immer weniger wahrgenommen wird, bis die Entmenschlichung
angekommen ist, bis die Entseelung letztendlich alle entmenschlicht.
An diesem 27. Januar 2002
stellt sich wie an jedem Tag vor, während und nach dem Hitlerregime
an jedem Platz der Welt die gleiche Frage, wenn Menschen miteinander
leben: respektieren wir uns als gleichberechtigte Menschen?
Oder hat der erste bereits
einen Grund, dieses Prinzip aufzuweichen und merkt nicht, daß das erste
Aufweichen ein Zusammenbruch des ganzen Prinzips ist. Es mag auch heute
anstrengend sein, das Prinzip Menschenwürde zu leben. Wenn es
sich überhaupt lohnt, sich für etwas anzustrengen, meine Damen und Herren,
dann dafür.
Herzlichen Dank, Ihnen Herr
Obermayer. Herzlichen Dank Ihnen, die Sie hoffentlich als Vorbild
und als Multiplikator für Wahrhaftigkeit, nicht nur, was die Vergangenheit
angeht, sondern auch was die Gegenwart angeht, wirken.
Wir brauchen mehr davon.
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