Ansprache des
Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper,
in
der Gedenkstunde anlässlich der Übergabe der "German
Jewish History Awards 2007"
am Donnerstag, dem 25. Januar 2007, im Plenarsaal
Es gilt das gesprochene
Wort - Sperrfrist 25.1.2007, 18.00 Uhr
(Anrede)
Ich begrüße
Sie alle sehr herzlich zur Verleihung der "German Jewish History
Awards". In diesem Jahr wird die hohe Auszeichnung zum 7. Mal vergeben
und findet - darauf ist das Abgeordnetenhaus besonders stolz - zum 6.
Mal hier im Plenarsaal statt. Dafür geht mein herzlicher Dank an
die Obermayer Foundation und ganz besonders an Herrn Dr. Obermayer und
Frau Obermayer, die die Verleihung dieses Preises hier im alten Preußischen
Landtag hat zur Tradition werden lassen. Herzlichen Dank Herr Dr. Obermayer,
herzlichen Dank Frau Obermayer.
In zwei Tagen jährt
sich der Tag der Befreiung der Häftlinge des Konzentrationslagers
Auschwitz durch die Rote Armee zum 62. Mal. Am 27. Januar 1945 bot sich
den sowjetischen Soldaten ein grausiges Bild. Die wenigen Überlebenden
waren ihren Peinigern wehrlos ausgeliefert gewesen. Menschenwürde
und Menschenrechte galten in Deutschland schon lange nichts mehr.
Auschwitz, die kleine
Stadt westlich von Krakau, ist zum Symbol der nationalsozialistischen
Schreckensherrschaft und des Völkermordes geworden. Jüdisches
Leben sollte nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa ausgelöscht
werden. Wir gedenken der über sechs Millionen ermordeten Juden
und der vielen anderen Opfer.
1996 erklärte
der Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum nationalen
Gedenktag in Deutschland für die Opfer des Nationalsozialismus.
Im Oktober 2005 hat die UNO den 27. Januar zum Holocaust-Gedenktag erklärt.
In einer Resolution werden alle Mitgliedsstaaten aufgerufen, an diesem
Tag an die mörderische Maschinerie der Nazis und an die Millionen
Opfer zu erinnern.
Einer der Überlebenden
der Shoa, der Berliner Rabbiner Leo Baeck, sagte anläßlich
eines Kongresses 1945 in New York: " Die Epoche der Juden in Deutschland
ist ein für alle Mal vorbei". Als aber 1950 der Zentralrat
der Juden in Deutschland gegründet wurde, gehörten den Gemeinden
wieder 15.000 Mitglieder an. 1933 hatten über 600.000 Juden in
Deutschland gelebt. Diese Zahlen belegen, dass sich nach 1945 kaum jemand
vorstellen konnte, dass jemals wieder jüdisches Leben, jüdische
Kultur, jüdische Wissenschaft in Deutschland dauerhaft Bestand
haben könnte. Es gehört zu den Wundern der Geschichte, dass
heute die jüdischen Gemeinden in Deutschland wieder ganz selbstverständlicher
Bestandteil unserer Gesellschaft geworden sind. Das wieder neu gewachsene
Vertrauen der Menschen jüdischen Glaubens zu unserem Land erfüllt
mich mit Dankbarkeit.
Die Preisträger
des heutigen Tages haben durch ihre Aktivitäten dazu beigetragen,
dass dieses Vertrauen wieder wachsen konnte. Ohne eine Gegenleistung
erwarten zu können, haben sie aus eigenem Antrieb und in ihrer
Freizeit jüdisches Erbe zum Leben erweckt und jüdisches Leben
bewusst werden lassen.
Wir alle wünschen
uns ein Zusammenleben mit jüdischen Menschen, das von Normalität,
vom selbstverständlichen Alltag geprägt sein sollte. Und eine
Gesellschaft, in der jüdische Menschen ihren Beitrag zur Gesellschaft,
zur Kultur und zu allen Bereichen des öffentlichen Lebens leisten,
wie schon immer in der Geschichte.
Deshalb müssen
und wollen wir auch wachsam sein: In Deutschland, auch hier in Berlin,
wird der Rechtsextremismus von kleinen Gruppen in der Gesellschaft immer
offener zur Schau gestellt. Auch der gewalttätige Rechtsextremismus
zeigt immer frecher sein Gesicht.
Bei den Wahlen zu
den zwölf Bezirksverordnetenversammlungen in Berlin im September
letzten Jahres wurden Rechtsradikale in einige Bezirksverordnetenversammlungen
gewählt. Gerade deshalb ist es notwendig, in der Jugend das Bewusstsein
dafür zu schaffen, dass wir die freiheitliche und offene Gesellschaft
verteidigen müssen, und dass Fanatismus und Rassismus bekämpft
werden müssen und zwar jeden Tag aufs Neue.
Dabei hat es in
den letzten Jahren herausragende Ereignisse gegeben, die für jüdische
Menschen in Deutschland ein neues Gefühl von Heimat vermitteln
konnten: Der Bau von neuen Synagogen - ich erinnere hier besonders an
die neue Hauptsynagoge am St. Jakobsplatz in München - , oder in
Berlin der Bau des Jüdischen Museums.
Ein wichtiger Meilenstein
ist der 2003 geschlossene Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik
und dem Zentralrat der Juden, der die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft
in Deutschland rechtlich absichert. Es sind aber auch Orte der Begegnung,
der Erinnerung und der Einkehr entstanden: Das beeindruckendste Beispiel
ist das Holocaust-Mahnmal mitten in unserer Stadt.
Ich hoffe, Sie alle
sind schon ein wenig durch unser Haus gegangen und haben die große
Ausstellung gesehen, die jetzt eine Woche lange die 76 Projekte präsentiert,
die an dem Jugendforum "denk!mal" des Abgeordnetenhauses von
Berlin zum 27. Januar, zur Erinnerung an den Holocaust-Gedenktag teilgenommen
haben. Am Montag haben über 700 engagierte Jugendliche an der Abschlussveranstaltung
teilgenommen, über 1.000 Jugendliche haben an den verschiedenen
Projekten gearbeitet.
Diese Jugendlichen
haben sich über Monate mit dem Holocaust und mit aktuellen Erscheinungsformen
von Antisemitismus, Fanatismus und Rassismus beschäftigt und das
in verschiedenen künstlerischen Formen aufgearbeitet. Bitte sehen
Sie sich die Ausstellung an.
Ich bin stolz darauf
sagen zu können, dass ich diesen Jugendlichen gern die Zukunft
Deutschlands anvertrauen werde. Die wissen: Demokratie und Menschenrechte
müssen jeden Tag neu geschützt und bewahrt werden.
Meine sehr geehrten
Damen und Herren, ich beglückwünsche die heutigen Preisträger
der Obermayer Foundation und freue mich, dass dieses Mal auch zwei Berliner
dabei sind.
Mein ganz besonderer
Dank gilt Ihnen, sehr geehrter Herr Dr. Obermayer, Ihrer Stiftung, der
Jury und allen, die an der Vorbereitung der heutigen Veranstaltung beteiligt
waren. Die Preise, die Sie, sehr verehrter Herr Dr. Obermayer, heute
verleihen werden, sind ein Zeichen der Freundschaft und der Hoffnung.
Nochmals Ihnen allen
ein herzliches Willkommen im Abgeordnetenhaus von Berlin.
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