Festansprache anlässlich der Verleihung des German Jewish History Award der Obermayer-Foundation
Dr. Jutta Limbach
25. Januar 2010

Erinnerung, hat Jean Paul gesagt, "Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können." Sogar die ersten Eltern, so setzte er hinzu, waren nicht daraus zu bringen.

Die Nationalsozialisten haben versucht, auch dieses letzte Paradies zu zerstören. Über den Völkermord an den europäischen Juden hinaus, machten sie sich daran, selbst die Erinnerung an ihre Opfer auszulöschen. Statt unter ihrem Namen registrierten sie die in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportierten Menschen unter Nummern, die sie ihren Opfern einbrannten.

Uns allen sind die Worte geläufig, ja, zu geläufig, mit denen die Nachwelt diesen Völkermord auf den Begriff zu bringen versucht. Als Kürzel hat sich der Ortsname Auschwitz eingebürgert. Dieser darf nicht vergessen machen, dass es sich nur um einen Knotenpunkt in einem dicht geknüpften Netz des Terrors handelte. Die inzwischen rekonstruierte Topographie der Konzentrations- und Vernichtungslager zeigt, dass diese ganz Deutschland und das besetzte Europa flächendeckend überzogen haben. Die Behauptung der deutschen Mehrheit, sie hätte von diesem Terrorregime keine Kenntnis gehabt, ist daher wenig glaubhaft.

Die uns allzu vertrauten öffentlichen Kundgaben des Entsetzens und der Scham haben nach 1945 lange auf sich warten lassen. Als Hannah Arendt in den Jahren 1949/50 der gerade gegründeten Bundesrepublik einen Besuch abstattete, fiel ihr Reisebericht deprimierend aus. Während sie über Europa einen Schatten tiefer Trauer wahrnahm, weil man inzwischen über die deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager Bescheid wusste, vermisste sie in Deutschland eine Reaktion auf das Geschehen. Sie vermochte nicht zu sagen, "ob es sich dabei um eine irgendwie absichtliche Weigerung zu trauern oder um den Ausdruck einer echten Gefühlsunfähigkeit" handelte.

Bemerkenswert war nicht nur die Flucht der Deutschen vor der Wirklichkeit und Verantwortung. Bestürzend war vor allem deren Sprachlosigkeit bei der Begegnung von Juden. Jedes Anzeichen von Mitleid und Interesse blieb aus. Fragen etwa nach dem Schicksal der Familie des Gesprächspartners wurden nicht gestellt. Seufzer und die halb rhetorische, halb wehmütige Frage "Warum muss die Menschheit immer nur Krieg führen?" waren Standardreaktionen angesichts der zerstörten Städte.

Erst allmählich wuchs die Einsicht, dass das Wissen von der Judenverfolgung Gegenstand der staatsbürgerlichen und politischen Bildung sein müsse. Und nicht nur die politischen Eliten wurden sich darin einig, dass die Erinnerung an, die Scham über und die Verantwortung für Auschwitz zur Staatsräson der Bundesrepublik gehört. Die Studentenbewegung und die 68.er haben wesentlich zu dieser Einsicht beigetragen. Gleichwohl oder gerade deswegen wird die Frage nach der richtigen Vergangenheitspolitik bis zum heutigen Tag immer wieder kontrovers diskutiert.

Der Völkermord an den europäischen Juden scheint seine Bedeutung als Gründungslegende der deutschen Demokratie mehr und mehr einzubüßen. In den Wortgefechten über die bundesrepublikanische Erinnerungskultur ist bereits von einer peinlichen Gedenkrhetorik die Rede. Geschichtsbilder, so einer unserer großen Historiker (Heinrich August Winkler) ließen sich in einer Demokratie nicht vorschreiben. Noch jede Generation habe ihre Lesart von der Geschichte. Das gelte vor allem für jene, die das nationalsozialistische Regime nicht mehr aus eigenem Erleben oder dem ihrer Eltern persönlich erinnern. Daher vermöge ein Empfinden von Schuld und Reue gegenüber der jüngeren Generation kein Erinnerungsgebot zu begründen.

Man solle daher "Erinnerung der Vergangenheit" durch "Auseinandersetzung mit der Vergangenheit" ersetzen. Auch gelte es, die Aufmerksamkeit über das Geschehen in den Konzentrationslagern hinaus, auf die Frage zu richten, wie der Rückfall eines Kulturvolkes in die Barbarei möglich war. Hier gelte es, die Elemente der damaligen gesellschaftlichen Verfasstheit bloßzulegen: Da ist der Wunsch nach einem starken Führer und einer homogenen (fremdenfreien) Gesellschaft, die Obrigkeitshörigkeit, antisemitische und rassistische Vorurteile, nationalistischer Größenwahn und nicht zuletzt ein übersteigertes Selbstwertgefühl.

Auschwitz, der Holocaust ist dann eine Chiffre für das, was Menschen an Unmenschlichkeit, an Barbarei möglich war. Es geht nicht um Erinnerung, so Jan Philipp Reemtsma, es geht um das "Bewusstsein von einer Gefährdung", um ein Bewusstsein von der Zerbrechlichkeit unserer Zivilisation, die immer aktuell bleiben wird.

So richtig wie diese Einsicht zum kollektiven Gedächtnis ist, so wenig erschöpft sie den Gehalt, der mit dem Wort "Erinnerung" verbunden ist. Unsere Theoretiker der Vergangenheitspolitik haben ihr Fazit ohne die Bürgergesellschaft gezogen, ohne das bürgerschaftliche Engagement, das wir heute ehren. Unsere Preisträger machen den Wortsinn deutlich, der über das schlichte "Sich-Erinnern" eines Erlebnisses oder an eine Person hinausgeht. Für sie meint Erinnern ein aktives Tun. Unwissenheit war und ist für sie kein Freibrief, sondern eine Herausforderung. Sie stemmen sich mit ihrem Handeln gegen ein Vergessen oder Verdrängen dessen, was in ihrer Gemeinde oder Nachbarschaft während des Naziregimes und danach geschah.

Jüdische Friedhöfe, eine zum Supermarkt umfunktionierte Synagoge, unter einem Dachgeschoß vergammelnde Dokumente über eine jüdische Gemeinde, das Verschwinden dreier jüdischer Kinder haben ihre Spurensuche in Gang gesetzt. Sie folgen nicht einem politisch verordneten Erinnerungsgebot. Die Erfahrung, dass einer Gruppe von Menschen in ihrer Nachbarschaft aus antisemitischen Motiven die Heimat streitig gemacht worden ist, war und ist ihre Antriebskraft. Die fünf Bürgerinnen und Bürger handelten und handeln in der Absicht, Menschen ihre Geschichte wiederzugeben. Eine Geschichte die, das sei klargestellt, auch die ihre ist. Wir können die gemordeten und vertriebenen Menschen nicht wieder in Deutschland beheimaten/ansässig machen. Aber wir können die Plätze markieren, wo sie lebten, die Ruhestätten ihrer Vorfahren in Ehren halten, ihre Stammbäume und Namen tradieren.

Unseren Preisträgern gelang es immer wieder, Angehörige und Nachfahren der ehemaligen Nachbarn anzusprechen und um Hilfe bei der Rekonstruktion von Daten und Ereignissen zu bitten. Unser Begriff von Opfer greift zu kurz, wenn wir diesen auf jene beschränken, die Mord und Vertreibung am eigenen Leibe erlitten haben. Nicht nur die Psychologen und Psychoanalytiker haben begriffen, dass auch die Nachkommen aus der Töchter- und Enkelgeneration Opfer der Schoah sind. Man lese nur Lilly Brett (Einfach so) oder Amos Os (Geschichten von Liebe und Finsternis), um das Leiden der Nachfahren zu erahnen.
Nicht nur die letzten Prozesse gegen KZ-Schergen lehren uns, dass noch Opfer leben. Als ich vor zwei Jahren im Jerusalemer Goethe-Institut über die Zukunft der deutschen Sprache redete, waren einige der deportierten und verschleppten Juden anwesend - wie Aharon Appelfeld oder Hugo Mendelsohn. Sie schilderten mit bewegenden Worten, was der Verlust der Muttersprache für sie bedeutete. Was es hieß hebräisch zu lernen und diese altehrwüdige Sprache der neuen Zeit anzupassen. Was mich an diesem Treffen am stärksten beeindruckte, waren die ausgestreckten Hände, der Wunsch meiner Gesprächspartner, willkommen zu sein und geschätzt zu werden. Es gibt Erlebnisse in einem menschlichen Leben, die im Gedächtnis nicht verblassen. Diese Begegnung in Jerusalem gehört für mich dazu. Die heutigen Preisträger können von ähnlichen Erfahrungen berichten.

Das, was diese begonnen und vorangetrieben haben, ist mehr als ein Erinnern, das sich im bloßen Wissen von Vergangenem erschöpft. Nur wer sich Geschichte wirklich angeeignet hat, kann aus ihr für die Zukunft lernen. Mögen die Söhne, die Töchter und Enkel nicht verantwortlich dafür sein, was damals geschah. Gleichwohl sind die Jungen verantwortlich dafür, was in der Geschichte daraus wird. So in seiner Gedenkrede am 8. ;Mai 1945 der damalige Bundespräsident Richard von Weiszäcker. Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, der Schoah ist eine unabschließbare Aufgabe. Diese fordert stets von neuem die erzieherische Phantasie und das Vorbild der Erwachsenen heraus. Denn nur das verstehende Begreifen, dass und warum die geschichtliche Überlieferung willkürlich unterbrochen worden ist, verspricht eine Richtschnur für das eigene Denken und Handeln.

Wir danken Angelika Brosig, Helmut Cabelli, Barbara Greve, Heidemarie Kugler-Weiemann und Walter Ott dafür, dass sie unbeabsichtigt wahrscheinlich - diese Aufgabe so beispielswürdig versehen haben. So überzeugend vor allem, dass andere ihr Tun unterstützt und sich ihnen angeschlossen haben. Möge ihre von Wahrheitsliebe getragene Erinnerungsarbeit in unserer Gesellschaft Schule machen.