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ROLF EMMERICH
Laupheim, Baden Württemberg
Vorgeschlagen von George E. Arnstein, Washington, DC, USA; Ernest Bergman, State College, PA, Ann Dorzbach, Louisville, KY, USA; USA; Hans G. Hirsch, Bethesda, MD, USA; Inge Kruse, Charlottenlund, Dänemark; Barbara Henly Levy, Somers, NY, USA; Yitzhak Steiner, Re'ut, Israel; Sven Treitel, Tulsa, OK, USA
Rolf Emmerich ist ein Pionier. Schon vor dreißig Jahren, als es
noch nicht besonders gern gesehen wurde, wenn jemand sich intensiv
mit der jüdischen Vergangenheit in Deutschland beschäftigte, führte er
seine Schüler zum jüdischen Friedhof in seiner Heimatstadt Laupheim
in Baden-Württemberg. Dort lernte ihn auch die im benachbarten
Ulm geborene Ann Dorzbach kennen: Beim Besuch des Grabes ihrer
Großeltern Anton und Lina Bergmann traf sie auf den Lehrer mit
seiner Gruppe von Teenagern. „Während er den Schülern die schön
bearbeiteten Grabsteine zeigte, flocht er auch die traurige Geschichte
der ausgelöschten jüdischen Gemeinde anschaulich ein“, erinnert sich
Dorzbach, die Emmerich für die Obermayer Awards vorgeschlagen hat
und heute in Louisville, Kentucky, USA, lebt. Sven Treitel aus Tulsa,
Oklahoma, USA, der Emmerichs Nominierung ebenfalls unterstützt
hat und dessen Großvater Leopold Treitel (1895–1923) der letzte Rabbi
in Laupheim war, beschreibt Emmerich als jemanden, der sich seit
Jahrzehnten mit viel Herzblut der Stärkung des Geschichtsbewusstseins
in seiner Stadt widmet.
Emmerichs Interesse an der Geschichte des Holocaust wurde
durch die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt und den Eichmann-Prozess
in Jerusalem geweckt. Der heute 73-jährige pensionierte Ingenieur und
Lehrer war als politisch engagierter Mensch 33 Jahre – bis 2010 – als
Vertreter im Gemeinderat aktiv. Vor seiner Lehrtätigkeit war er viele
Jahre als Produktionsleiter bei der Firma Steiner-Hopfen GmbH in
Laupheim tätig. Während dieser Zeit entstand eine enge Verbindung
zur jüdischen Eigentümerfamilie Steiner, die auch nach seinem Ausscheiden
aus dem Unternehmen im Jahr 1971 bestehen blieb. „Das ist
etwas ganz Besonderes“, erklärt er. Angeregt durch diese Freundschaft
und gepaart mit einer guten Portion Neugier und einem ausgeprägten
Sinn für Gerechtigkeit, begann Emmerich seine umfassenden Recherchen
zur jüdischen Vergangenheit Laupheims. Juden durften sich
erstmals 1724 dort niederlassen, und eine Zeitlang rühmte sich die
Stadt der größten jüdischen Gemeinde in Württemberg (843 Juden bei
einer Gesamtbevölkerung von 7000 im Jahr 1869).
Im August 1942 endete die reiche jüdische Geschichte in
Laupheim mit der Deportation der 43 zu dem Zeitpunkt noch dort lebenden
Juden ins Konzentrationslager Theresienstadt in der Nähe von
Prag. Emmerich spürte der Geschichte der Gemeinde nach und suchte
und fand Nachkommen in aller Welt. Seine zahlreichen Publikationen – häufig mit Schwerpunkt auf lokalen jüdischen Persönlichkeiten und
Einrichtungen – sind auch im Leo Baeck Institut zu finden. 1998 war
er Mitbegründer eines Museums in einer ehemaligen Villa der Familie
Steiner. In diesem „Museum zur Geschichte von Christen und Juden“ ist er auch selbst ehrenamtlich tätig und leitet Führungen, bei denen er
den Besuchern Themen wie „200 Jahre Rabbis in Laupheim“ oder die
Geschichte des jüdischen Friedhofs nahebringt. Seit 2010 ist Emmerich
Mitglied des Museumsbeirats.
In den 1960er Jahren gelang es Emmerich, jüdische Schallplattenaufnahmen
aus dem Jahr 1922 mit Kantor Emil Dworzan (1856-1931) und Organist Simon L. Steiner zu retten, die in der Synagoge
entstanden waren. Er ließ sie nach damaligem Stand der Technik bei
einem lokalen Radiosender auf Tonbänder übertragen. Die Original-Schelllack-Platten sind im Laupheimer Museum zu finden, eine CD ist
derzeit in Produktion. Emmerich sagt dazu mit einem Lachen: „Wenn
ich sonst nichts für unser Thema zustande gebracht hätte – darauf
könnte ich stolz sein.“
Emmerichs Interesse an Synagogenmusik führte ihn vor etwa 25
Jahren auch zu einer weiteren eindrucksvollen Entdeckung: Während
eines Rechercheaufenthalts in Hamburg stieß er auf Partituren des
1850 in Laupheim geborenen Kantors und Komponisten Moritz
Henle. Es folgten mehrere Jahre umfassender Recherchen in privaten
Sammlungen und Archiven in den USA, Israel, Schweden und
der Schweiz. Die so zusammengetragenen Henle-Kompositionen
wurden 1998 von der Laupheimer „Gesellschaft für Geschichte und
Gedenken“ als CD veröffentlicht.
Im Jahr 2000 organisierte Emmerich zu Ehren des 150. Geburtstags
des Kantors ein viertägiges musikalisches Event in Laupheim,
bei dem ein örtlicher Chor Henles Kompositionen auf Hebräisch
vortrug. Bei dieser Gelegenheit wurde auch die Straße, in der
Henle geboren wurde, offiziell in Moritz-Henle-Straße umbenannt.
Noch bedeutender als die Wiederentdeckung und Rettung der
Kompositionen war aber wohl der Beitrag Emmerichs zur Zusammenführung
von Juden, deren Wurzeln in Laupheim liegen, mit verloren
geglaubten Angehörigen. „Ich hatte die große Freude, dieses
phantastische und emotionale Fest mit 15 neugefundenen Angehörigen
aus fünf verschiedenen Ländern feiern zu können“, schrieb
Dorzbach. Darunter waren auch Barbara Henly Levy mit Ehemann
und Tochter aus Somers, New York. Emmerich brachte also nicht
nur jüdische Musik wieder zutage, „sondern auch große Teile unserer
Familiengeschichte.“ Zum ersten Mal „trafen sich hier Cousins und
Cousinen, die bis dahin gar nichts voneinander gewusst hatten.“
Über die Jahrzehnte war Emmerich Co-Autor mehrerer Publikationen
zur jüdischen Geschichte, darunter auch ein Gedenkband
mit Geschichten über ehemals ortsansässige jüdische Familien, die
entweder emigrierten oder dem Holocaust zum Opfer fielen. Er
leistete einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Grabstätten auf
dem jüdischen Friedhof, auf dem Dorzbach ihm Jahrzehnte zuvor
zum ersten Mal begegnet war. Und er hat eine ganze Generation
junger Menschen dazu angeregt, diese Arbeit fortzusetzen.
Emmerich besucht den Friedhof immer noch regelmäßig und
führt Besucher durch die 900 Grabsteine, von denen einige auf das
Jahr 1700 zurückgehen. „Es ist ein unglaublich inspirierender Ort“,
erklärt Emmerich, der vor kurzem einen Vater mit seinem Sohn aus
den USA bei ihrem ersten Besuch der Grabstätte eines 1907 bestattetenVorfahren begleitete.
Die Erinnerungsarbeit „ist wichtig für die zweite Generation“,
so Emmerich. „Aber sie ist auch für mich sehr wichtig geworden – sie
gehört einfach zu meinem Leben dazu.“ Er ergänzt: „Viele Mitbürger
haben meine Arbeit unterstützt.“ Zwar interessieren sich einige
Leute nicht für das Thema, aber echte Widerstände gibt es nicht.
Emmerich fügt hinzu: „Mancher denkt vielleicht, dass wir für so eine
kleine Stadt eine Menge Geld für das Museum ausgeben. Aber diese
Stimmen sind eher zurückhaltend.“
Heute gilt er als „der engagierteste und kompetenteste Ansprechpartner
in jüdischen Angelegenheiten in seiner Stadt“, schreibt
Yitzhak Steiner aus Re’ut, Israel, der Emmerich vor mehr als 50
Jahren im Unternehmen seiner Eltern kennen lernte und ihn mit für
den Preis vorgeschlagen hat. „Er hat sich für die Gründung von Institutionen
und Vereinen ebenso eingesetzt wie für die lokalen Archive,
und persönliche Beziehungen zu den ehemaligen Mitgliedern der
Gemeinde aufgebaut.“
Sein wichtigster Beitrag ist allerdings wohl, dass er die Kinder
ehemaliger Laupheimer Juden zusammengeführt und ihnen so
ein Gefühl für ihre eigene Vergangenheit zurückgegeben hat. Levy
abschließend: „Die Tränen der Trauer mischen sich mit den Tränen
der Dankbarkeit.“
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