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FRITZ KILTHAU
Zwingenberg, Hessen
Vorgeschlagen von Claude K. Abraham, Corona, CA, USA; Joanne Epstein, Houston, TX, USA; Joan Gluckauf Haar, Riverdale, NY, USA; Peter E. Kalb, Bensheim, Deutschland; Dena Rueb Romero, Hanover, NH, USA
Fritz Kilthau wuchs in der Gemeinde Wald-Michelbach im
Odenwald auf – ein Ort, an dem die Spuren der letzten Kriegstage
damals noch an vielen Häuserwänden sichtbar waren. Als
in den 1950er Jahren in einer Welle des Vandalismus zahlreiche
jüdische Friedhöfe geschändet wurden, ging Kilthau – Jahrgang
1945 – noch zur Schule. In der Folge „zeigte unser Lehrer uns
Filme über die Grausamkeit der Nazis“, erinnert sich Kilthau,
der sich damals zu fragen begann, was mit den Juden in seiner
Region geschehen war.
Inzwischen ist über ein halbes Jahrhundert vergangen, und
Kilthau hat einen großen Beitrag dazu geleistet, dass die lokale
jüdische Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. In dieser Zeit
hat er auch enge Beziehungen zu Juden aufgebaut, die Wurzeln
in seiner Region haben. Seit 1978 verbringt Kilthau seine
Freizeit in Archiven, vor allem in Zwingenberg und Bensheim
in Hessen, wo er heute lebt. Die Arbeit ist seine persönliche
Antwort auf den Rechtsextremismus, der in seinen Augen
leider an vielen Orten weiter blüht. „Es gibt immer noch einige
rechtextreme Organisationen, auch in unserer Region“, erklärt
er. „Es ist sehr wichtig, die jungen Menschen im Detail über
den Nationalsozialismus zu informieren, damit sie sehen, wohin
diese Ideen geführt haben … Wir müssen den jungen Leuten
ein menschliches Weltbild vermitteln.“
Kilthau engagiert sich auf vielfältige Weise: Recherchen
zum Leben ehemaliger jüdischer Bürger in der Weinbauregion
Bergstraße und Veröffentlichung der Ergebnisse; Organisation
öffentlicher Veranstaltungen und Führungen zu lokalen Orten
jüdischer Geschichte wie dem jüdischen Friedhof in Alsbach,
der Zwingenberger Synagoge und dem Konzentrationslager
Osthofen; Beantwortung von Anfragen der Nachfahren ehemaliger
jüdischer Bürger; Organisation einer jährlichen Holocaust-Gedenkveranstaltung und – für ihn besonders wichtig – Vermittlung
dieser Themen in der jungen Generation.
Alles begann mit seinem Interesse an der Lokalgeschichte.
Er las alte Zeitungen und besuchte das Bensheimer Archiv, wo
er auf Gleichgesinnten traf. Zunächst gestaltete sich die Einsichtnahme
in die geschichtlichen Dokumente im örtlichen
Archiv etwas schwierig. „Aber dann fand ich ein kleines Buch,
das ein evangelischer Pastor über die Bensheimer Juden
geschrieben hatte. Und auf der allerletzten Seite wurde ein
Massaker beschrieben, das die Nazis in Bensheim drei Tage vor
der Befreiung am 24. März 1945 verübten.“ Bei den Ermordeten
handelte es sich überwiegend um Juden und Wehrmachtsdeserteure,
die im örtlichen Gefängnis festgehalten worden waren.
Gemeinsam mit seinem Freund beschloss Kilthau, mehr über
die Opfer in Erfahrung zu bringen, „um den Menschen wieder
ein Gesicht zu geben.“
Es folgten weitere Projekte, aus denen zum Beispiel Broschüren
zur Lokalgeschichte während der Nazizeit hervorgingen.
Als Mitbegründer und Beisitzer des Bensheimer Vereins
Geschichtswerkstatt Jakob Kindinger e.V. und Vorsitzender des
Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge hält er Vorträge und
bietet Führungen zur Lokalgeschichte an. Er geht auch in die
Schulen und erzählt dort über die Reichskristallnacht und die
Juden von Zwingenberg.
Sein 256 Seiten umfassendes Werk „Mitten unter uns– Zwingenberg an der Bergstraße von 1933 bis 1945“ erschien
im Jahr 2000 im Rahmen der Geschichtsblätter für den Kreis
Bergstraße und hat zu zahlreichen weiteren Projekten geführt:
eine Broschüre zu einem Stadtgang auf den Spuren der
Nazizeit in Zwingenberg; zwei Theaterstücke, die gemeinsam
mit Heribert Pauly entstanden und von Schülern des Schuldorfes
Bergstraße aufgeführt wurden; und eine erfolgreiche
Initiative zur Ergänzung einer Gedenktafel um die Namen der
jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Kilthau hofft, dass
die Menschen in Zwingenberg sich zu fragen beginnen: „Wer
waren diese Menschen? Wo haben sie gelebt? Warum und wie
sind sie gestorben?“
Im Jahr 2009 begann er mit einer Biographie der Familie
Bauer, die bis zur Nazizeit in Bensheim gelebt hatte. Er fand
Nachfahren in den USA, aber längst nicht alle freuten sich
über die Kontaktaufnahme. Warum wollte ein Deutscher etwas
über ihre Familiengeschichte wissen? Joanne Epstein gehörte
zu den Personen, an die er sich wandte. Bis Kilthau sich
meldete, kannte sie von ihren Großeltern mütterlicherseits
kaum mehr als die Namen, Julius und Hedwig Bauer. Julius
wurde nach dem November-Pogrom 1938 im Konzentrationslager
Buchenwald ermordet, und Hedwig beging kurz darauf
Selbstmord. Epsteins inzwischen verstorbene Mutter sprach
kaum über ihre eigenen Eltern. „Es war wohl zu schmerzvoll“,
meint Epstein, die heute in Houston, Texas, lebt.
Dank Fritz Kilthau „weiß ich jetzt ziemlich viel darüber,
wie sie gelebt haben. Es ist so unglaublich, dass ein völlig
Fremder ein Interesse daran hatte, über meine Großeltern zu
schreiben!“
Im Mai 2011 wurden vor dem Haus, in dem die Bauers
zuletzt in Freiheit gelebt hatten, Stolpersteine verlegt, mit
Namen, Geburtstagen und Angaben zu den Umständen, unter
denen die Familienmitglieder zu Tode kamen. Laut Epstein
hat Kilthau die Stolpersteine selbst bezahlt. „In all der Zeit,
die ich Fritz kenne, hat er nie Geld für seine Arbeit genommen“,
schreibt sie. Und was er vollbracht hat, ist unschätzbar
wertvoll. „Wir alle, die wir unsere Wurzeln in dieser Region
haben, stehen in seiner Schuld“, schreibt Joan Gluckauf
Haar aus Riverdale, New York, die Kilthau ebenfalls für die
Obermayer Awards vorgeschlagen hat. Mit seiner ersten
Anfrage stieß Kilthau bei ihrer Familie allerdings zunächst
auf Ablehnung. „Meine Mutter sagte nur, ich sollte den Brief
sofort wegwerfen. Aber das habe ich natürlich nicht gemacht“,
erklärt Gluckauf Haar.
„Die Menschen sollten wissen, dass es [hier] eine sehr
lebendige jüdische Gemeinde gab“, so Kilthau. „Sie war nicht
sehr groß – etwa zwei Prozent der Bevölkerung. Aber sie
leisteten einen enormen Beitrag zur Gemeinschaft. Wenn verschiedene
Kulturen an einem Ort zusammenleben, profitieren
wir alle davon.“
Epstein gesteht, dass sie Kilthaus Motivation für seine
Arbeit zunächst nicht verstand. „Aber die selbstlose Hingabe,
mit der er sich diesem Projekt widmet, war für mich äußerst inspirierend.
Er hat Julius und Hedwig Bauer für mich, für meine
Familie und für die ganze Welt wieder zum Leben erweckt.“
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