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WERNER SCHUBERT
Weißwasser, Sachsen
Vorgeschlagen von Toby Axelrod, Berlin, Deutschland; Andrea Herda, Weißwasser, Deutschland; Jonathan Kellerman, Ramat Hasharon, Israel; Ingrid Kellerman-Kluger, Haifa, Israel; Peter Müller, Blankenfelde, Deutschland; Yehudit Schweig, Jerusalem, Israel; Joel Peter Wiesen, Scarsdale, NY, USA
1999 schaltete Werner Schubert eine Anzeige in einer
Lokalzeitung. Er war auf der Suche nach Augenzeugen der
Reichspogromnacht in seiner Stadt, Weißwasser in der Oberlausitz,
und schrieb, dass es fast schon zu spät war, um Menschen zu
finden, die noch aus eigener Anschauung über die Geschehnisse
von damals berichten konnten.
Schubert, der in der Hitlerjugend Jungzugführer war und
als Soldat in der Wehrmacht kämpfte, hat sich der Aufdeckung
der Wahrheit über die jüdische Gemeinde in der Stadt verschrieben,
in der er seit Ende des Krieges lebt. Auf sehr persönliche
und selbstreflektierende Weise hat er aufgearbeitet, was es
bedeutete, Teil des Nazi-Regimes zu sein – und wie es war, im
kommunistischen Ostdeutschland zu leben, wo die jüdische Geschichte
und insbesondere das Schicksal der lokalen jüdischen
Gemeinden tabu war.
„Nach der kommunistischen Doktrin waren die meisten
Juden Kapitalisten – und Kapitalisten galten als Klassenfeinde“,
so Schubert. „Das war einfach kein Thema. Niemand interessierte
sich dafür. Zwar gab es in jedem Unternehmen eine
Geschichtskommission, aber die Frage [nach Firmen in jüdischem
Eigentum oder nach dem Schicksal der Juden] wurde nie
gestellt.“
Die Opfer des Naziregimes wurden offiziell in Kategorien
eingeteilt: Die kommunistischen Widerstandskämpfer standen
dabei ganz oben. Nur sie allein galten als Opfer, weil sie gekämpft
hatten“, erklärt Schubert. „Erst danach kamen die Menschen,
die aus religiösen, rassistischen oder anderen Gründen verfolgt
wurden.“
Sobald es nach der Wende möglich wurde, begann Schubert
seine Recherchen in Archiven, die lange Zeit verschlossen
gewesen waren. Er rekonstruierte das jüdische Leben in Weißwasser,
nahm Kontakt zu Nachfahren lokaler jüdischer Familien
auf, wandte sich an zahlreiche Schulgruppen und Organisationen
und suchte unermüdlich nach Augenzeugen.
Er fand heraus, dass es hauptsächlich einem der geschmähten
Industriellen – Joseph Schweig – zu verdanken war,
dass Weißwasser sich von einem kleinen Fischer - und Bauerndorf
mit 750 Einwohnern Ende des 19. Jahrhunderts bis zum
1. Weltkrieg zu einer Stadt mit 13.000 Einwohnern entwickeln
konnte.
Die Grabstätte von Joseph Schweig (1850–1923), der
Weißwasser zu einem international bekannten Zentrum der
Glasproduktion machte, „wurde nach dem Krieg zerstört. Es
gab keinen Grabstein mehr. Dieser Teil der Geschichte war fast
schon verloren“, so Schubert heute. Und „nur zwei Namen von
Holocaust-Opfern waren bekannt.“ Dank einiger Bücher, die
nach der Wiedervereinigung veröffentlicht wurden, „kennen wir
heute die Namen von 14 Opfern.“
Schubert ist Autor bzw. Co-Autor mehrerer Bücher und
Artikel und hat einen wichtigen Beitrag zur Bewahrung lokaler
historischer Stätten jüdischer Geschichte geleistet. Dabei hat
er neben dem Leben des Joseph Schweig, das ein Schwerpunkt
seiner Recherchen war, auch die Geschichte etlicher anderer
jüdischer Familien der Stadt erforscht und Kontakt zu mehreren
Generationen von Nachfahren aufgenommen. Er war an der
Lokalisierung des Standorts des ehemaligen jüdischen Friedhofs
beteiligt, der erst Anfang der 1980er Jahre eingeebnet worden
war. Heute ist das Gelände wieder hergerichtet und denkmalgeschützt.
Im Laufe der Jahre war Werner Schubert sowohl
mit versteckter als auch mit offener Ablehnung seiner Arbeit
konfrontiert. Dank seines Engagements wird der jüdische Teil
der Lokalgeschichte heute jedoch offen und mit Stolz in den
verschiedensten lokalen Institutionen erzählt und dokumentiert.
Schubert hat auch über mutige Gegner des Nazi-Regimes
geschrieben. In seinen Schriften entlarvt er die Verantwortlichen
für Verfolgung und Völkermord und rekonstruiert die lückenhafte
Geschichte der „Entnazifizierung“ nach dem Krieg. Als
er im Archiv des Hauses der Wannseekonferenz herausfand,
dass ein für Massenmorde verantwortlicher Nazifunktionär aus
Weißwasser stammte, machte Schubert es sich zur Aufgabe, eine
Biographie des Mannes zu erstellen. Denn er war überzeugt,
dass junge Menschen nur durch die Auseinandersetzung mit
der Lokalgeschichte die richtigen Lehren aus der Vergangenheit
ziehen können.
Schubert hat „Geschichte erlebbar gemacht“, so Schulleiterin
Andrea Herda in ihrem Empfehlungsschreiben. Die
Schüler sprachen mit den Nachkommen ehemaliger jüdischer
Bürger aus Weißwasser „nicht nur über Geschichtliches, sondern
auch über aktuell-politische Themen und internationale Politik.“ Sie fügt hinzu: „Ich denke, darin besteht seine persönliche
Motivation: gegen ein Vergessen zu arbeiten und eine Verknüpfung
von Geschichten und Demokratie heute in Deutschland
herzustellen.“
Schweigs Enkelin Ingrid Kellerman-Kluger aus Haifa,
Israel, schreibt in ihrer Empfehlung: „Herr Schubert hat nicht
nur dafür gesorgt, dass Schüler heute etwas über den Einfluss
und das Schicksal der jüdischen Mitbürger erfahren, sondern
bewahrt auch das Gedenken an die Juden aus Weißwasser“ für
die Nachwelt.
Er „hat der jüdischen Geschichte Weißwassers wieder ein
Gesicht gegeben“, ergänzt Peter Müller aus Blankenfelde,
Deutschland, ein Urenkel von Joseph Schweig.
Trotz seiner inzwischen 87 Jahre sprüht Schubert noch
immer vor Energie. Im September 2011 begrüßte er Mitglieder
der Familie Schweig aus Israel in Weißwasser bei ihrem ersten
Besuch in der Stadt, die ihr Vorfahre mit aufgebaut hatte.
Schuberts Engagement hatte noch eine weitere tiefgreifende
Wirkung: Er „hat uns geholfen, wieder Vertrauen zum
deutschen Volk zu fassen. Bis dahin waren wir nicht bereit,
Deutschland zu besuchen“, schreibt Yehudit Schweig aus Jerusalem,
eine Urenkelin von Joseph Schweig, die im Jahr 2007 mit
ihren Kindern nach Deutschland reiste. Schweig fügt hinzu, dass
sie bei der Heirat ihren Familiennamen behielt, „da es keine
weiteren Nachkommen gab, die ihn weitergeben konnten.“
„Ich kam mir wirklich vor, als gehörte ich zur ,königlichen
Familie‘ von Weißwasser – ein Gefühl, das für einen Juden im
ehemaligen Ostdeutschland schon etwas Besonderes ist“, schrieb
Jonathan Kellerman aus Ramat Hasharon, Israel. Der Urenkel
von Joseph Schweig besuchte Weißwasser im Jahr 2009. „So seltsam es klingen mag, aber die Kinder, die heute in
Weißwasser aufwachsen, wissen mehr über meinen Urgroßvater
als ich bis vor kurzem“, fügt er hinzu. Das ist nur „dem unermüdlichen
Einsatz von Werner Schubert zu verdanken.“
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