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ANGELIKA
BROSIG
Schopfloch,
Bavaria
Vorgeschlagen
von Claude Frank, Grenoble, Frankreich; Nicole Ghenassia, Lyon, Frankreich;
Jeanette Rosenberg, Middlesex, England; David Shapiro, Jerusalem, Israel;
Phil Urwin Smith, Surrey, England
Der
Besuch einer Freundin vor einigen Jahren gab den Anstoß dafür,
dass die Sozialpädagogin Angelika Brosig in ihrer Gemeinde eine
führende Rolle bei der Erforschung der jüdischen Vergangenheit
von Schopfloch übernahm.
Meine
Freundin wollte den jüdischen Friedhof besuchen, erinnert
sich Brosig, aber als wir hinkamen und sahen, in welchem Zustand
er sich befand, war sie fassungslos. ,Es ist furchtbar, sagte
sie, ,die Inschriften sind alle nicht mehr zu erkennen, die Steine von
Pflanzen und Bäumen überwuchert. Ich war überrascht,
weil es mir irgendwie normal erschien, dass ein Friedhof im Laufe der
Zeit verfällt. Aber sie meinte: ,Nein, das ist nicht gut für
die Nachfahren, und das war der Beginn für mich.
Brosig
traf sich mit dem ehemaligen Bürgermeister und dem Rotary Club
von Schopfloch, merkte aber bald, dass das Engagement für die Erforschung
des Friedhofs die physische Wiederherstellung nicht mit einschloss.
Also machte sie sich persönlich an die Arbeit und begann zunächst
mit einer Zählung der Steine. Sie ging systematisch durch die Reihen
und dokumentierte und fotografierte die verwitterten Inschriften an
jedem Grab. Sie konnte zwar kein Hebräisch, aber dank der Unterstützung
der Gruppe Alemannia Judaica erstellte sie eine Liste mit 250 Juden,
die in dem kleinen fränkischen Ort Schopfloch gelebt hatten und
gestorben waren. Die Ergebnisse veröffentlichte sie im Internet.
Je
länger sie an dem Projekt arbeitete, desto mehr entwickelte sich
in ihr ein Gefühl der Dringlichkeit.
Ich
hatte kein Geld, um Fachleute zu engagieren; der Friedhof war zu groß,
und es wäre einfach zu teuer geworden, so Brosig. Manche
Leute wunderten sich: ,Sie ist doch keine Expertin, wie kann sie da
eine solche Arbeit angehen? Aber ich dachte nur: ,Warum nicht?
- Ich hatte Helfer, die mich unterstützten, und es ist besser selbst
etwas zu tun als auf Spezialisten zu warten, die viel Geld verlangen.
Ich wollte nicht warten, weil [ich wusste], dass der Verfall immer weiter
fortschreiten würde.
Nachdem
sie den 500 Jahre alten Friedhof dokumentiert hatte, begann Brosig mit
Führungen für Schulklassen und Kirchengruppen. Sie rief auch
das Steinpaten-Projekt ins Leben, bei dem die Paten im Durchschnitt
250 Euro für die Reinigung, Aufarbeitung und Wiederherstellung
eines Grabes bezahlen. Ausgeführt werden die Arbeiten von einem
traditionellen Steinmetzbetrieb aus der Region. Im Jahr 2008 wurden
19 Grabsteine wieder hergestellt, 2009 waren es mindestens 20. Der Rotary
Club spendete 2000 Euro für das Projekt und zeichnete Angelika
Brosig mit dem Rotarischen Meilenstein 2008 aus.
Inzwischen
hat sich die von Brosig geschaffene Website, www.juden-in-schopfloch.de,
zu einem sehr umfassenden Forum entwickelt. Menschen aus aller Welt
haben sich schon an Angelika Brosig gewandt, dankbar für die Möglichkeit,
endlich etwas über ihre Vorfahren in Erfahrung bringen zu können.
Brosig hat umfangreiche Stammbäume rekonstruiert, sammelt Fotos
und Dokumente von den Nachfahren der Schopflocher Juden und baut ihr
Online-Archiv kontinuierlich weiter aus.
Natürlich
sind auch ihre eigene Neugier und ihr Wissen über die jüdische
Geschichte mit der Arbeit gewachsen. Am meisten hat mich die Zeit
des Nationalsozialismus interessiert: Was ist hier passiert? Warum gibt
es hier keine Juden, keine jüdische Kultur mehr? Je mehr ich fragte,
desto klarer wurde mir, was wir verloren haben.
Angelika
Brosig wurde 1956 im 100 km von Nürnberg entfernt liegenden Ansbach
geboren und war 16 Jahre an einer Behindertenschule in Baden-Württemberg
tätig. Später arbeitete sie in einem Jugendzentrum. Von früh
an war sie in der Friedensbewegung engagiert, und einmal stand sie sogar
kurz davor nach Israel zu gehen ihr Beruf hielt sie jedoch schließlich
davon ab.
2007
organisierte Brosig eine Veranstaltung, in deren Rahmen am Standort
der ehemaligen Synagoge eine Gedenktafel angebracht wurde. Franken war
im Vorkriegsdeutschland als Epizentrum des Antisemitismus berüchtigt,
und sie fand es sei an der Zeit mit den Mythen zu brechen, die die Gemeinde
in Bezug auf ihre Vergangenheit immer noch pflegte.
Die
Reiseführer sagen alle, die Region sei judenfreundlich gewesen.
Aber das stimmt so nicht. Der Nationalsozialismus war hier sehr stark
ausgeprägt, und es war entwürdigend, was den Juden in den
Jahren vor dem Krieg im Ort angetan wurde, so Brosig. Sie möchte
die Erinnerung an bestimmte Ereignisse öffentlich wach halten,
zum Beispiel an die Reichspogromnacht, in der die letzten 18 noch in
Schopfloch verbliebenen Juden durch die Straßen getrieben und
die Männer verprügelt wurden, während man die Fenster
ihrer Häuser einschlug; oder die kurz darauf im Nachbarort Dinkelsbühl
erschienenen Schlagzeilen wie Judenfrei.
Rabbi
David Shapiro aus Jerusalem und Nicole Ghenassia aus Lyon in Frankreich
schreiben: Frau Brosig hat dafür gesorgt, dass die jüdische
Vergangenheit dieses Teils von Deutschland weder bei den Einwohnern
der Region noch bei den noch lebenden Nachfahren der ehemaligen jüdischen
Gemeinde in Vergessenheit gerät.
Brosig
entdeckte bei der Wiederherstellung des Schopflocher Friedhofs, dass
zwei Frauen ohne Grabsteine begraben worden waren, und ließ daraufhin
zwei neue Steine errichten. Zu dieser Arbeit drehte der Bayrische Rundfunk
eine Dokumentation. Zurzeit befindet sich Brosig gerade in den Vorbereitungen
zu einem Theaterstück, das sie über zwei jüdische Familien,
die Manfreds und die Sigreds, geschrieben hat. Es geht darin um das
Schicksal dieser Familien vor und während des Krieges. Die Darsteller
sind 15- und 16-jährige Hauptschüler, die Premiere ist für
den Sommer 2010 geplant.
Ich
habe so viele Informationen [über die Familien], dass das Schreiben
ganz einfach war. Und die Jugendlichen haben Interesse an dem Stück,
erzählt Brosig.
Es
ist mir wichtig zu wissen, was in der Vergangenheit geschah, und eine
Verbindung dazu herzustellen. Durch meine Arbeit auf dem Friedhof wird
den Menschen plötzlich klar: ,Es gibt Überlebende und wir
können mit ihnen in Kontakt treten. Durch die Steine erhalten
sie ihre Würde zurück.
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