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GERHARD
BUCK
Idstein-Walsdorf, Hessen
Vorgeschlagen von Abraham Frank, Jerusalem, Israel; Marjorie Holden,
New York, NY; und John Paul Lowens, Point Lookout, NY
Gerhard Bucks früheste
Erinnerung reicht bis zu einem Tag zurück, an dem seine Eltern
ihn mitnahmen, um die Synagoge ihrer Stadt brennen zu sehen. Er war
damals erst zwei Jahre alt, aber noch heute erinnert er sich an die
züngelnden Flammen und das "Gefühl der Zerstörung",
das die Kristallnacht in sein Gedächtnis brannte. Verstärkt
wurde diese traumatische Erfahrung auch dadurch, dass Buck sich Zeit
seines Lebens fragte, ob seine eigene Mutter den Nazis, als sie an ihre
Tür kamen und um Hilfe baten, womöglich sogar die Streichhölzer
in die Hand gab, mit denen die Synagoge angezündet wurde.
"Die Menschen
sagen oft, dass sie nicht wussten, was in diesen zwölf Jahren [unter
Hitler] geschah, aber alle wussten es", erzählt Buck zu Hause
in Idstein, einer kleinen hessischen Stadt, wo er auf seine ganz eigene
Weise daran arbeitet, die Wunden der Geschichte zu heilen: In den vergangenen
25 Jahren hat er zahlreiche Artikel und Bücher geschrieben, die
die jüdische Vergangenheit seiner Heimat wieder ins Bewusstsein
rufen.
Er hat nicht nur
bei der Wiederherstellung des jüdischen Friedhofs in Steinfischbach
geholfen, sondern arbeitet seit acht Jahren auch unermüdlich am
Aufbau einer jüdischen genealogischen Datenbank, in der inzwischen
70 der über 200 Städte in der Region Hessen/Nassau erfasst
sind.
Die "persönliche, emotionale Vergangenheit inspiriert mich
dazu, über die jüdische Geschichte zu schreiben", so
Buck, 71. "Ich stehe noch heute unter dem Eindruck dieser schrecklichen
Zeit, in der viele Menschen so grausame Dinge getan haben. Man fängt
an, über die Menschheit nachzudenken - was die Menschen sich gegenseitig
antun, was das Wesen der Menschen ist. Darüber denke ich die ganze
Zeit nach. Und ich war schon immer gefangen von dem Thema der Juden
in unserer Stadt und ihrer Vertreibung."
Der Sohn eines Elektrikers,
der den zweiten Weltkrieg als Lazaretthelfer hinter den Frontlinien
überlebte, entdeckte schon früh seine Leidenschaft für
Geschichte und Sprachen (er lernte am Gymnasium Hebräisch, um das
Alte Testament lesen zu können). Nach dem Studium der Fächer
Geschichte und Englisch an den Universitäten von Münster,
Tübingen und Leicester, England, erwarb Buck weitere Abschlüsse
in Sozialkunde und Jura an der Universität Frankfurt. Bis 1972
arbeitete er als Lehrer in Wiesbaden, dann zog er mit Ehefrau und zwei
Kindern nach Idstein, wo er seine Arbeit als "Geschichtsschreiber"
begann.
"Ich kam in
ein Dorf, das gerade sein 1200-jähriges Bestehen feierte und mein
Schuldirektor bat mich um Unterstützung bei den Recherchen",
erinnert er sich. "Von Anfang an hatte ich den Eindruck, dass die
Adelsfamilien - die Herzöge, Grafen und Prinzen - im Zentrum sämtlicher
Bücher und Artikel standen, die bis dahin erschienen waren. Also
wendete ich mich den einfachen Menschen zu. Ich wollte über die
Bauern und Handwerker schreiben, die Minderheit, die Menschen, die in
den Geschichtsbüchern nicht auftauchen - und so bin ich auch zu
den Juden gekommen."
1988, zum 50. Jahrestag
der Kristallnacht, veröffentlichte Buck unter dem Titel "Die
jüdischen Idsteiner, 1648-1806" eine ganz neu interpretierte
und damals kontrovers diskutierte Darstellung der lokalen jüdischen
Geschichte. Daraufhin wurde er - obwohl er keinen Doktortitel hat -
in die renommierte Historische Kommission für Nassau berufen. Aufgrund
seiner Recherchen kommt Buck zu völlig neuen Schlüssen, die
er bis heute leidenschaftlich verteidigt - zum Beispiel, dass das Geldleihgeschäft
im 17. und 18. Jahrhundert überwiegend von der Kirche und nicht
von den Juden betrieben wurde. "Ich bin auf ganz unkonventionelle
Weise an das Thema herangegangen", erklärt er. Und die hartnäckige
Präzision des Historikers ist es, für die seine Arbeit seitdem
immer wieder gelobt wird.
"Gerhards Arbeit
wirkt heilend", so Abraham Frank, ein Nachfahre hessischer Juden
und Koautor von Bucks Buch "The Eschenheimer and Nachmann Families"
(Die Familien Eschenheimer und Nachmann), das im Jahr 2003 erschien.
Frank, der die Geschichte seiner eigenen Familie durch Buck "rehabilitiert"
sieht, fügt hinzu: "Er ist bei der Dokumentation seiner Texte
sehr streng, aber seine Arbeit ist von einem humanistischen Interesse
am alltäglichen Leben der einfachen jüdischen Bürger
geprägt. Sie bewahrt die Vergangenheit der Juden dieser Region,
hilft den Opfern des Holocaust und ihren Kindern bei der Suche nach
Angehörigen und erhält in Form von Bildern, Texten und Inschriften
die historischen Belege einer verloren gegangenen Lebensweise."
In der Tat ist die Suche nach längst versunkenen Details zum ländlichen
jüdischen Leben - zum Beispiel über Familientestamente aus
dem 18. Jahrhundert, Inventarlisten zum Besitz eines Mannes oder Aufzeichnungen
darüber, wie viel Wein auf seiner Hochzeit getrunken wurde - keine
leichte Aufgabe. Zum einen, so Buck, sind viele historische Aufzeichnungen
schlicht nicht mehr vorhanden; zum anderen erfolgte im 19. Jahrhundert
der Übergang vom patronymischen (vom Vaternamen abgeleiteten) Namen
zum Nachnamen - dadurch bezeichnen häufig drei oder vier Namenspaare
ein- und dieselbe Person, was die Recherche äußerst kompliziert
macht.
Trotz aller Hindernisse
ist Buck, der vor 12 Jahren aufgrund einer stressbedingten Stimmbanderkrankung
den Lehrerberuf aufgeben musste, in der Lage, Archivdokumente in rasender
Geschwindigkeit durchzugehen: Er schafft zwei Seiten in drei Sekunden
und erfasst jede Woche 200 neue Biographien. Es ist nicht nur die Suche
nach einer präzisen Genealogie, die ihn vorantreibt: "Ich
finde mehr als nur Namen - ich finde Leben", sagt er.
"Ich möchte
den Menschen diese lange historische Linie wieder ins Gedächtnis
rufen, mithilfe der Archive in frühere Jahrhunderte zurückgehen
und Familien rekonstruieren. In normalen Geschichtsbüchern treten
Juden nicht in Erscheinung. Durch die Erforschung ihrer Namen, das Sammeln
von Informationen über ihr Leben, hole ich sie zurück - und
gewinne einen Eindruck davon, wie die Juden gelebt haben."
Die Motivation liegt
für Buck vor allem in dem Wunsch, "den Deutschen zu erzählen,
was wirklich passiert ist. Ich werde der jüdischen Geschichte mein
Leben lang verbunden bleiben."
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