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KLAUS
DIETERMANN
Netphen, Nordrhein-Westfalia
Vorgeschlagen
von Bianca Emberson, Abergavenny, Wales; Roger Herz-Fischler, Ottawa,
Kanada; Uri und Tamar Hibl, Netanya, Israel; Gary Wolff, Los Angeles,
CA
Es begann mit einer
Synagoge, die in der Reichspogromnacht zerstört wurde. Auf ihren
Grundmauern wurde ein Luftschutzbunker errichtet, in dem von 1941 bis
1945 Hunderte Deutsche Schutz suchten, und schließlich wurde der
Bunker als Stadtspeicher verwendet. Dass sich heute in diesem Bunker
das Aktive Museum Südwestfalen zum Gedenken an die
jüdische Geschichte Siegens befndet, ist so etwas wie ein kleines
Wunder ein Wunder, das Klaus Dietermanns Gespür für
Geschichtsvermittlung zu verdanken ist.
Dietermann wurde
im 100 km nördlich von Frankfurt/Main und im Osten Kölns gelegenen
Siegen geboren und wuchs dort auf. Vor zehn Jahren lehnte er das Bundesverdienstkreuz,
die höchste deutsche Auszeichnung, vor dem Hintergrund seiner Überzeugung
ab, dass man in Deutschland nicht das Recht, sondern die Pficht
hat wiedergutzumachen, was die Generation unserer Eltern und Großeltern
getan hat.
Diese Art von Beharrlichkeit
ließ ihn auch vier Jahre lang für die Umwandlung des Bunkers
in ein Museum kämpfen, obwohl die örtlichen Behörden
ihn drängten, das Projekt in einem der 11 anderen Bunker in der
Stadt anzusiedeln.
Nein, es muss
dieser sein, sagte er ihnen. Heute, bestätigt durch die wachsende
Popularität und den Erfolg des Museums, kann er diese Entscheidung
mit seinen Unterstützern feiern.Als Lehrer sucht man nach
Wegen zur Wissensvermittlung, und das Synagogenmuseum ist zu einem solchen
Weg geworden.
Dietermann begann
sich mit der jüdischen Geschichte zu beschäftigen, nachdem
er während seines Pädagogik-Studiums auf Walter Thiemanns
Buch Von den Juden im Siegerland gestoßen war. Er
war fasziniert, als er erfuhr, dass früher sehr viele jüdische
Händler in seiner Region gelebt hatten. Dietermann verfolgte das
Thema und schrieb seine Arbeit zur 1. Staatsprüfung unter dem Titel
Untersuchungen zur Geschichte der Juden des Siegerlandes zur Zeit
des Nationalsozialismus. Seitdem hat ihn das Thema nicht mehr
losgelassen wusste so wenig über das jüdische Leben während
der NS-Zeit, so Dietermann, und mein Interesse an dieser
Geschichte ließ niemals nach. Ich recherchierte und recherchierte
zur jüdischen Vergangenheit, die mich einfach faszinierte
[insbesondere,] dass so viele Menschen erklärten, sie hätten
nichts getan.
Der heute 59-jährige
Dietermann wurde 1974 in den Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische
Zusammenarbeit Siegerland e.V. gewählt. Er verfasste Aufsätze,
Artikel, Unterrichtsmaterialien und ein Dutzend Broschüren zu verschiedensten
Facetten der regionalen jüdischen Geschichte, von der Familienbiographie
bis hin zur Geschichte von Synagogen und Friedhöfen. Besondere
Popularität erlangte das Werk Jüdisches Leben in Stadt
und Land Siegen. Er berichtete jedoch auch fundiert über
das Ausmaß der Zerstörung durch die Nationalsozialisten,
und sein Stadtführer Siegen: eine Stadt unterm Hakenkreuz
wurde in 4 Aufagen 12.000 Mal verkauft.
Dietermann schrieb
nach eigenen Aussagen stets mit Blick auf die Schüler
und sah seine Hauptaufgabe darin, kurze Werke zu verfassen, die nicht
teuer und leicht zu lesen sind. Er wollte den Menschen die regionale
Geschichte in unkomplizierten, einfach geschriebenen Texten näherbringen,
die jeder versteht.
Dietermanns Kommunikationsfähigkeit
ging jedoch weit über das Schreiben hinaus. 1983 genau 50
Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten brachte
Dietermann seinen Stadtführer heraus und initiierte eine alternative
Stadtrundfahrt durch Siegen, bei der wir nicht die ,guten,
touristischen Seiten der Stadt zeigen, sondern die Stätten des
Nationalsozialismus, des Widerstands und des heutigen Gedenkens.
Inzwischen hat er mehr als 200 Busfahrten zur jüdischen Geschichte
in der Region begleitet.
1992, im Rahmen
der Organisation einer Ausstellung im Bunker am Standort der ehemaligen
Synagoge zum Jahrestag der Reichspogromnacht, kam Dietermann schließlich
die Idee, das leer stehende Gebäude als Museum zu nutzen. Zusammen
mit anderen Interessierten gründete er den Förderverein Aktives
Museum Südwestfalen e.V. und machte es sich zur Aufgabe,
diesen Traum zu verwirklichen. Es dauerte vier Jahre, bis nach häufg
schwierigen Verhandlungen mit Behörden und dem Eigentümer
endlich ein Teil des Gebäudes für das Museum zur Verfügung
gestellt wurde.
Inzwischen, mit
ungefähr 3.000 bis 4.000 Besuchern im Jahr, darunter 60 bis 70
Schulklassen und zahlreiche Kirchengruppen, ist sogar die Erweiterung
um eine weitere Etage bis 2010 geplant. (Scherzhaft fügt Dietermann
hinzu: Wenn wir eine dritte Etage eröffnen, gehe ich in den
Ruhestand.) Heute dokumentiert das Museum neben der Judenverfolgung
in der NS-Zeit auch das Schicksal von Sinti und Roma, Kommunisten, behinderten
Menschen, Zeugen Jehovas und anderen.
Das Wort Aktiv
im Namen des Museums steht dafür, dass wir Führungen
und besondere Veranstaltungen für Kinder anbieten, so Dietermann.
Wir sind nicht nur ein Museum, sondern gehen auch gezielt auf
das ein, wofür sich die Menschen besonders interessieren.
Die jüdische
Gemeinde in der Region um Siegen entstand erst ab 1817, nachdem der
preußische König das Gesetz gegen die Niederlassung von Juden
aufgehoben hatte. Ein halbes Jahrhundert später brachte eine neue
Zugverbindung von Köln Scharen von jüdischen Geschäftsleuten
und Händlern in die Stadt. Ende der 1930er Jahre war die jüdische
Bevölkerung jedoch auf 200 Menschen geschrumpft, von denen 100
ermordet wurden.
Wir müssen
über diese Vergangenheit sprechen, damit niemals wieder etwas Derartiges
geschehen kann, erklärt Dietermann, der 35 Jahre lang deutsche
Geschichte gelehrt hat und jetzt auf der Suche nach jungen Menschen
ist, die die ältere Generation mit neuen Ideen ersetzen
und die Arbeit für das Gedenken an die jüdische Geschichte
fortsetzen. Einige Menschen sind zu dieser Arbeit berufen,
merkt er an, aber nicht jeder ist dafür geschaffen.
Auf Reisen in Siegens
Partnerstadt Emek Hefer in Israel traf Dietermann auf ehemalige Siegener
Mitbürger, die die Stadt vor dem Krieg verlassen hatten. Dietermann,
Sohn eines Wehrmachtssoldaten, wollte seinen Vater nie fragen, was er
in der NS-Zeit getan hatte, ist jedoch fest davon überzeugt, dass
jeder etwas tun muss, für die Wiedergutmachung und für
die Aussöhnung mit der Vergangenheit. In seinem Fall geschieht
dies durch die wachsenden Bande mit Juden in der Ferne und durch Besuche
von israelischen Nachfahren, die die Stadt ihrer Vorväter kennen
lernen wollen.
Die Menschen
sind so bequem und träge, dass sie gerne abwarten, und das ist
ein Problem. Wir müssen auch etwas für unsere Demokratie tun
und dürfen die Dinge nicht einfach laufen lassen, erklärt
er. Wir dürfen nicht einfach warten.
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