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HEINRICH
DITTMAR
Alsfeld, Hessen
Vorgeschlagen
von William C. und Judith Freund, Millington, NJ;
und Michael Maynard, London, England
2003
Heinrich Dittmar
begann Fragen zu stellen, als Fragen stellen noch tabu war. Zumindest
war es das im Alsfeld der frühen Siebziger, einer Kleinstadt in
Hessen, in der früher Juden lebten. Ich löcherte die
Leute: Hier waren jede Menge Juden - Wo sind die hin?,
erinnert sich der 68-Jährige. Die sagten nur: Darüber
will ich nicht sprechen.
Aber Dittmar sprach
darüber. Stück für Stück sammelte er Material. Drei
Jahrzehnte lang fügte er die Mosaiksteine der Geschichte einer
Partnerschaft zwischen Juden und anderen Hessen wieder zusammen, die
einst über Generationen hinweg existierte. Als Kommunalpolitiker
setzte er sich für Instandsetzung und Erhalt der 16 Friedhöfe
im Landkreis ein, im Vorstand des Alsfelder Museums für eine Ausstellung
seines Materials.
Heute sei er eine
zentrale Figur für die jüdische Geschichte der
Region Vogelsberg, sagt der Journalist Joachim Legatis, der von Dittmar
zur Aufarbeitung jüdischer Lokalgeschichte inspiriert wurde. Dittmar,
der als Sonderschullehrer arbeitete, macht Führungen und Vorträge
für Schulklassen. Jährlich verantwortet er eine Gedenkfeier
zur Reichskristallnacht. Außerdem veröffentlicht
er Bücher und Artikel in Lokalzeitungen und hält den Kontakt
mit Überlebenden. Ob Geschichte, seine Kirchengemeinde, Fußballklubs
oder Lokalpolitik Heinrich Dittmar geht immer mit der gleichen
Energie zu Werke. Wenn er auf Leute zugeht, mit ihnen sprechen
kann, wie in seinen Führungen oder wenn er Sachen organisieren
kann, dann ist er vollkommen in seinem Element, sagt seine Tochter
Christiane Sattler.
Vor ungefähr
25 Jahren fand Dittmar einen Stapel staubiger Karteikarten in einer
Ecke des Stadtarchivs. Das waren die Juden von Alsfeld,
sagt er. Man hatte sie von den anderen aussortiert. Das
von ihm recherchierte und zum Teil geschriebene Buch Die Geschichte
der Juden von Alsfeld beschreibt, wie eng das deutsch-jüdische
Verhältnis seit dem 17. Jahrhundert in der Region war. (Sogar in
den Totenbräuchen hatten sich beide Volks-gruppen wechselseitig
beeinflusst.) Das Werk wollte er allen Überlebenden schicken, deren
Adresse er
herausgefunden hatte in welchem Teil der Erde sie auch lebten.
Die Stadt zeigte sich zögerlich, also bezahlte er den Versand aus
eigener Tasche. Meine
Arbeit ist den Menschen gewidmet, die nie einen Grabstein bekommen haben,
sagt er.
Auch Arthur Strauß,
der in Alsfeld geboren wurde, aber in den Dreißigern nach Südafrika
emigrieren musste, erfuhr schließlich von Dittmars Arbeit. Nach
dem Krieg ging Strauß nach Frankfurt. Dittmars Engagement hätte
ihn motiviert, an den Ort zurückzukehren, an dem seine Großeltern
beerdigt sind. Ohne ihn hätte es für mich keinen Anlass
gegeben, wieder Verbindung nach Alsfeld aufzunehmen, sagt Arthur
Strauß. Durch ihn habe er wieder einen Kontakt zu seiner Cousine,
zu Jugendfreunden und Schulkameraden erhalten. Am Anfang sei sein Interesse
an der deutsch-jüdischen Vergangenheit einfach von Neugierde inspiriert
gewesen, sagt Dittmar. Genauso wie er zuvor gemeinsame Familienurlaube
genutzt hatte, um Gedenkstätten zu besuchen oder für Freunde
achforschungen auf Friedhöfen anzustellen. Aber bald wurde die
Motivation stärker. Als ich die Dankbarkeit und Freude der
Menschen spürte, denen ich etwas über ihre Familie erzählen
konnte, sagt er, hat mir das unheimlich Spaß gemacht.
Der Spaß an
der Arbeit erhielt allerdings immer wieder Dämpfer. Offene Feindseligkeit
sei zwar selten gewesen. Aber Dittmar erinnert sich noch gut an die
Zeit, als die Aufarbeitung der deutsch-jüdischen Geschichte an
jeder Ecke auf Widerstand stieß. Einmal kam ich in ein Gemeindearchiv,
erinnert er sich, Als ich sagte, es geht um Juden, war plötzlich
der Schlüssel nicht mehr da. Aber solche Probleme hielten
ihn nicht ab. Manchmal braucht es Geduld, das hat Dittmar in fast 30
Jahren an der Sonderschule gelernt.
Die Spurensuche
in der Vergangenheit geht deshalb weiter. Für sein letztes Projekt
befragte er einen früheren Alsfelder Juden zu seinen Kindheitserinnerungen.
Jetzt will Dittmar andere Bürger interviewen und auf einem Video
die unterschiedlichen Aussagen einander gegenüberstellen. Er
kann nicht rasten, sagt seine Tochter. Sein Gehirn braucht
ständig neue Nahrung.
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