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MICHAEL
DORHS
Hofgeismar, Hessen
Vorgeschlagen
von Chanan Frank, Herzelia, Israel; Dan Frank, Afula, Israel;
Gideon Frank, Moshav Beit-Chanan, Israel
Als
junger Student der evangelischen Theologie tat Michael Dorhs etwas eher
Unerwartetes: Er half beim Aufbau einer Abteilung für jüdische
Geschichte im Museum seiner Heimatstadt Hofgeismar, um das deutsch-jüdische
Erbe unserer Region zu erhalten.
Wir
hatten am Anfang fast nichts, vielleicht um die 20 Bücher,
erinnert sich Dohrs. Also schaltete er Anzeigen in Zeitungen wie Aufbau
in New York und Israel Nachrichten in Tel Aviv und bat Holocaust-Überlebende
und die Nachkommen ehemals jüdischer Bürger aus der Region
Nordhessen, sich mit ihm in Verbindung zu setzen und ihre Geschichte
zu erzählen.
In
den fast 30 Jahren, die seither vergangen sind, hat Dorhs Dutzende von
Artikeln und sieben Bücher zur lokalen jüdischen Geschichte
publiziert. Sein Werk weckte bei beiden Bevölkerungsgruppen
sowohl bei den Juden, die die Region verließen, als auch bei den
Deutschen, die blieben viele Erinnerungen und großes Interesse.
Ich
möchte, dass deutsche Nichtjuden das Judentum als einen Teil und
eine Wurzel unserer eigenen Religion, unserer Kultur wahrnehmen. Das
ist nicht ihre Geschichte, es ist auch unsere Geschichte, so Dorhs
(48), dessen jüngstes Werk, Das achte Licht: Beiträge
zur Kultur- und Sozialgeschichte der Juden in Nordhessen, sich
mit diesem Thema befasst.
Gleichzeitig
ist es für Juden wichtig zu sehen, dass sie in ihrer ehemaligen
Heimat nicht vergessen sind. Dass es einen besonderen Ort gibt, an dem
sich die Menschen für ihre Schicksale interessieren und ihre Geschichten,
ihre Erfahrungen hören und bewahren wollen, um zu zeigen, was mit
ihnen geschehen ist.
Dorhs
Reise in die jüdische Vergangenheit begann schon in der Schule,
als er für ein Projekt die Grabsteine des Hofgeismarer jüdischen
Friedhofs fotograferte. Mit 18 sah er den TV-Mehrteiler Holocaust und
das war das erste Mal, dass ich mit einer einzelnen Familie aus
der Zeit des Holocaust und mit diesem Teil der Geschichte in Berührung
kam. Während seines Studiums an der Universität Tübingen
durchforstete er die Archive von Hofgeismar für eine umfangreiche
Arbeit zur Position der Kirche während der NS-Zeit.
Seit
dieser Zeit ist sein Bemühen um die Erforschung der jüdischen
Vergangenheit Nordhessens und die Vermittlung dieses Teils der Geschichte
immer intensiver geworden.
Ich
kenne Namen. Ich kenne Geschichten. Wenn ich Schüler oder Studenten
[durch das Museum] führe, erzähle ich ihnen nicht die Dinge,
die sie ebensogut in Geschichtsbüchern über Auschwitz oder
Polen nachlesen können, erklärt er, sondern Geschichten
von Menschen, von Männern und Frauen, die in ihrer Heimatstadt
gelebt haben. Sie sehen die Straßennamen und die Häuser und
können sich vorstellen, was mit den Menschen hier geschah. Das
ist wie eine Brücke aus der Vergangenheit in die Gegenwart.
Dorhs
selbst hat eine Vergangenheit, mit der die Aussöhnung in vieler
Hinsicht schwierig erscheint. Das Flüchtlingsschicksal war
ein Thema in meiner Familie, die aus Ostpreußen stammte,
wo seine Großeltern und eine Tante während des Zweiten Weltkriegs
auf der Flucht vor russischen Soldaten getötet wurden. Sein Vater
war ein NS-Soldat, der später Polizist wurde. Ich fragte
ihn: ,Was hast du in dieser Zeit getan?, erinnert sich Dorhs.
Sein Vater sagte er habe nichts getan, aber ich weiß nicht,
ob das die Wahrheit ist, und ich habe nie eine Antwort erhalten.
Nach
sieben Jahren als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Ev.
Theologie der Universität Marburg reist er heute als Studienleiter
in der Pfarrerfortbildung durch das Gebiet der Landeskirche Kurhessen-Waldeck
nördlich von Kassel und behandelt dabei häufg auch jüdische
Themen.
Zu
diesem Themenspektrum hat er auch zahlreiche Bücher geschrieben,
von der Synagogen- und Friedhofsgeschichte bis hin zu Biographien und
Geschichten über die Assimilation und Verfolgung von Juden in der
NS-Zeit. Dorhs war auch Herausgeber einiger wichtiger Werke, wie zum
Beispiel den Memoiren der Israelin Meta Frank, Schalom, meine
Heimat (1994), ein bahnbrechendes und sehr intimes Geschichtsdokument
über eine Familie der Region. Franks Buch warf ein neues, ganz
persönliches Licht auf den Holocaust. Es entwickelte sich zum Verkaufshit
und erschien dank Dorhs in drei Aufagen. Auf seine Initiative wurde
1999 eine Straße in Hofgeismar nach Meta Frank benannt.
Dorhs
war unter anderem auch an der Freilegung und Erhaltung einer Mikwe (rituelles
jüdisches Bad) im nahe gelegenen Trendelburg beteiligt und setzte
sich für Gedenktafeln auf den zwei jüdischen Friedhöfen
in der Region Hofgeismar ein. Die größte Freude liegt für
ihn aber wohl darin dieses Interesse an der jüdischen Geschichte
mit der Lehrtätigkeit zu verbinden, und das nicht nur bei
den Deutschen, sondern auf beiden Seiten.
Die
Kinder und Enkelkinder der Emigranten, die unser Museum besuchen, sehen
hier, dass das, was sie in ihren Familien gehört haben, wahr ist,
erklärt er. Bis dahin ist es eine abstrakte Vorstellung.
Aber wenn sie in hierher kommen, zu den Wurzeln ihrer Familien, und
die Namen ihrer Verwandten in der Namensliste buchstäblich niedergeschrieben
sehen, wird es für sie zu etwas Konkretem.
Neben
der sorgfältig zusammengetragenen umfangreichen Sammlung von Daten,
persönlichen Gegenständen, Fotos und Dokumenten hat Dorhs
im Stadtmuseum Hofgeismar einen Raum eingerichtet, in dem eine große
Zeittafel die Schicksale der ehemaligen jüdischen Bürger der
Region dokumentiert. Es ging immerum das Erzählen, nicht
darum anzuklagen.
Ich
habe in diesem Raum einige sehr emotionale Momente [mit den Enkelkindern
von Opfern] erlebt, fügt er hinzu. Für mich war
das Wichtigste, mit so vielen jüdischen Menschen in Kontakt zu
kommen, ob jung oder alt, die vor und während der NS-Zeit in unserer
Region lebten oder Verwandte hier hatten. Zu wissen, dass Menschen in
Deutschland an ihren Familiengeschichten interessiert sind und sie bewahren,
ist sehr wichtig für die [Angehörigen].
Bei
den 100 jüdischen Familien, mit denen Dorhs über die Jahre
in Verbindung geblieben ist von Israel über die Niederlande
bis nach Amerika und darüber hinaus hat diese Wertschätzung
bleibende Eindrücke hinterlassen.
Michaels
Leidenschaft für die jüdische Geschichte schlägt sich
auch in seiner berufichen Arbeit nieder, so Dan, Chanan and Gideon
Frank, Verwandte der Autorin Meta Frank. Als Studienleiter im
Predigerseminar vermittelt er denjenigen, die einmal die geistliche
Leitung in Deutschland übernehmen, das Wissen um und das Bewusstsein
für die tragische Vegangenheit.
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