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HELMUT
GABELI
Haigerloch, Baden-Württemberg
Vorgeschlagen
von Herbert & Margot Anker, Littleneck, NY; Joel Berger, Stuttgart,
Deutschland; Meir Brom, Jerusalem, Israel; Ariel Frank, Ramat Gan,
Israel; Carol Gold, Woodstock, NY; Herbert Kaufmann, Mt. Kisco, NY;
Uri Kaufmann, Dossenheim, Deutschland; Grete Kende, New York, NY;
Therese Stern Lawrence & Keith Lawrence, Hollywood, FL; Michael
Rosenheimer, Berkeley, CA; Henry Schwab, Brooklyn, NY; Peter Singer,
Los Angeles, CA; Ruth Spier, Tirat Zvi, Israel; Marv Strasburg, Seattle,
WA; Harry Themal, Ardentown, DE; Irwin Ullmann, Margate, FL; Annaeliese
Weil de Roiskin, Buenos Aires, Argentinien; Tom Wolf, Highland Park,
IL; Samuel Zivi, Santa Monica, CA
Kleinstadt
Haigerloch am Rande des Schwarzwalds, als seine Ehefrau dort eine Lehrerstelle
antrat. Als sie nach kurzer Zeit erfuhren, dass der örtliche Supermarkt
sich in einer ehemaligen Synagoge befand, waren sie entsetzt:
Meine
Frau und ich beschlossen sofort dort nicht mehr einzukaufen, erinnert
sich Gabeli. Ich hatte Respekt vor der jüdischen Religion.
Es erschien mir unmoralisch, in einem Gebäude einzukaufen, in dem
sich einst Juden zum Gebet versammelt hatten.
Zwanzig
Jahre später, aus Anlass des 50. Jahrestages der Reichspogromnacht,
war Gabeli Mitbegründer des Gesprächskreises Ehemalige Synagoge
Haigerloch. Dank seiner jahrzehntelangen Forschungstätigkeit, seiner
Schriften, Vorträge und Führungen ist diese Synagoge heute
ein denkmalgeschütztes Gebäude und Museum, in dem sich auch
zukünftige Haigerlocher Generationen über die verlorene jüdische
Gemeinde informieren können.
Es
ist darüber hinaus ein Ort, an den die Nachfahren der Haigerlocher
Juden aus aller Welt zurückkehren, dankbar für die Chance,
ihre Vergangenheit wiederzuentdecken.
Ich
dachte [anfangs], das Wichtigste wäre für mich die Wiederherstellung
der Synagoge. Jahre später merkte ich, dass es der Kontakt zu den
Menschen war, zu den Juden aus aller Welt, egal ob sie ihre Wurzeln
in Haigerloch haben oder nicht. Dieser Kontakt ist mir so wichtig, dass
ich dafür Tag und Nacht arbeiten würde. Die Arbeit ist mein
Leben, erklärt Gabeli.
Gabeli
wurde 1944 als Sohn deutschstämmiger Eltern in einem kleinen Dorf
bei Budapest geboren (sein Vater war Bauer, seine Mutter stammte aus
einer Bergarbeiterfamilie) und wuchs im römischkatholischen Glauben
und mit Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg auf. Seine Mutter hatte
als Hausmädchen für einen jüdischen Fabrikanten in der
ungarischen Hauptstadt gearbeitet und wurde Zeugin der Deportation der
jüdischen Mitbürger. Als sie einmal einer Gruppe Juden, die
in der Sommerhitze zum Bahnhof getrieben wurden, Wasser bringen wollte,
zwang die ungarische Polizei sie, das Wasser auszuschütten.
Nach
dem Krieg zog die Familie zunächst nach Wien und später in
die Schwarzwaldregion in Baden-Württemberg. Nach dem zweijährigen
Bundeswehrdienst, den Gabeli als Offizier beendete, studierte er an
der Universität Tübingen Geschichte und Jura und ließ
sich danach als Rechtsanwalt nieder. Aber meine große Liebe
galt immer der Geschichte, so Gabeli.
Wenn
Sie ein allgemeines Interesse an der jüdischen Geschichte und an
der Geschichte des Nationalsozialismus haben, ist es nur eine Frage
der Zeit, bis die zwei Bahnen sich kreuzen, erklärt er. Die
Frage, warum Millionen von Menschen Hitler folgten, hat mich fast mein
ganzes Leben beschäftigt und tut es noch heute. Ich wusste ein
bisschen über dieses Kapitel der deutschen Geschichte, und natürlich
wusste ich, was die Deutschen den Juden angetan haben. [Aber] es war
das Interesse an einer kleinen Stadt, in der es einst eine jüdische
Gemeinde gegeben hatte, das mich motivierte.
Gabeli
hat zahlreiche Artikel und Bücher über die Haigerlocher Juden
geschrieben: von der faszinierenden Geschichte der jüdischen Viehhändler
über die Deportationen während des Krieges, eine Chronik aller
jüdischen Mitbürger zwischen 1933 und 1945 bis hin zur Jahrhunderte
umspannenden Geschichte der jüdischen Schulen und einer Biographie
über Haigerlochs letzten Lehrer an der jüdischen Schule und
Rabbinatsverweser Gustav Spier. Er hat zahllosen Familien die Gräber
ihrer Vorfahren auf Haigerlochs jüdischem Friedhof gezeigt, Vorträge
zur jüdischen Geschichte an der Universität Tübingen
gehalten und um die 400 Führungen durch die Stadt geleitet.
Sein
sichtbarstes Vermächtnis ist jedoch das Ergebnis der Arbeit eines
ganzen Jahrzehnts: Erhaltung, Kauf und letztlich Umbau der alten Haigerlocher
Synagoge zu einem Museum. 1999 sammelte er mit dem aus 10 Personen bestehenden
Gesprächskreis, dessen Zweiter Vorsitzender er ist, 200.000 DM,
80% des Kaufpreises.
Wir
traten an den Bürgermeister heran und sagten: ,Hier sind 200.000
DM, bitte legen Sie die fehlenden 50.000 DM dazu und kaufen Sie das
Gebäude für die Stadt, erinnert sich Gabeli. Der
Bürgermeister stimmte zu, auch wenn viele Mitbürger dem Projekt
zunächst skeptisch gegenüberstanden. Sie sagten: ,Wir
sollten die Geschichte ruhen lassen. Das ist so lange her, niemand interessiert
sich mehr dafür, aber wir antworteten: ,Nein, das muss uns
Deutsche interessieren. Als die Synagoge wieder hergestellt und
die Ausstellung zu besichtigen war, änderten die Menschen langsam
ihre Meinung. Sie zeigten Respekt und sagten, wir hätten das Richtige
getan.
Marv
Strasburg aus Seattle, eine Nachfahrin Haigerlocher Juden, sagt zu Gabeli:
Helmuts persönliche Initiative und sein unermüdlicher
Einsatz für die Wiederherstellung der Haigerlocher Synagoge hatten
und haben weiterhin eine große Wirkung auf alle Nachfahren der
Haigerlocher Juden, die zu Besuch kommen, ebenso wie auf die Einwohner
der Stadt und insbesondere die jungen Menschen. Das Museum in
der Synagoge und die Gedenktafel [mit den Namen aller aus Haigerloch
deportierten Juden] stehen für ,Wir sind uns der Geschichte bewusst,
wir fühlen tiefe Reue und großen Respekt, wir erinnern uns
und ehren das Gedenken.
Gabelis
Forschungsarbeiten zur jüdischen Geschichte reichen vom Mittelalter
bis zum Zweiten Weltkrieg, mit einem Schwerpunkt auf der kaum bekannten
Geschichte der jüdischen Soldaten in der Wehrmacht.
Außerdem
hilft er Schülern bei ihrer Vorbereitung auf das Abitur, indem
er Projekte zur jüdischen Geschichte begleitet. Es ist mir
sehr wichtig, mit den jungen Menschen zu arbeiten, erklärt
Gabeli. Sie sollten die Geschichte verstehen, und sie sollten
auch sehen, wie die Menschen mit dieser Geschichte umgehen. Ich zum
Beispiel: Ich bin ein Mann, der sich intensiv mit einer Zeit beschäftigt,
die niemals zurückkehren wird. Man kann junge Menschen, die ein
gewisses Mitgefühl haben, erreichen.
Gabeli
erkennt durchaus an, dass Deutschland und insbesondere Baden-Württemberg
- schon ein gutes Stück Weg zurückgelegt hat. Es ist für
ihn ermutigend, wenn sich eine Mehrheit der deutschen Bürger aus
allen politischen Parteien aktiv gegen Demonstrationen und wieder aufkeimendes
Machtstreben von Neonazis wendet.
Aber
er warnt auch: Ich bin mir nicht sicher, wie es aussähe,
wenn die Zeiten in Deutschland sehr schlecht wären. Menschen ohne
Arbeit und in schwieriger wirtschaftlicher Lage da wird das fraglich,
und ich bin nicht 100%ig ü berzeugt, dass es nie wieder so kommen
könnte. Deshalb müssen wir immer und überall aufmerksam
bleiben und dürfen in unserem Bemühen nicht nachlassen.
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