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BARBARA
GREVE
Gilserberg,
Hessen
Vorgeschlagen
von Janet Akaha, Salinas, CA; Marienne Ruth Duggan, Victoria, Australien;
Marlene Houri, Givat Zeev, Israel; Arielle Katz, Great Neck, NY; Elizabeth
Levy, Mevassaret Zion, Israel; Lisa Levy, Potomac, MD; Ellie Rodin,
Wilmington, VT; Rishy Savin, Aventura, FL; Senta Seligman, Howard Beach,
NY; Jennifer Stern, Brooklyn, NY
AWenn
man Barbara Greve fragt, was sie dazu bewegt hat, die jüdische
Vergangenheit im hessischen Kreis Ziegenhain aufzudecken, bekommt man
eine nicht sehr deutsche Antwort: Es ist vielleicht
nicht ganz richtig ausgedrückt, aber für mich ist es eine
Art Mitzwa, erklärt sie, eine moralische Verpflichtung.
Ich gebe Menschen ihre Geschichte zurück.
In
der Tat zieht Greve, eine Grundschullehrerin, die es sich zur Aufgabe
gemacht hat 400 vergessene Jahre jüdischer Geschichte in ihrer
Region zu retten, einen Großteil ihrer Leidenschaft aus dem Wunsch,
vor Ort die Fakten richtigzustellen.
In
Neukirchen zum Beispiel, einer der größten Städte im
Kreis Ziegenhain, hieß es immer, dass nur neun Juden während
des Holocaust deportiert wurden. Aber es wurden viel mehr Menschen
eportiert oder vorher vertrieben, und ich wollte zeigen, dass es mehr
Opfer gab als man dachte, erklärt Greve. So erstellte sie
unter dem Titel Jeder Mensch hat einen Namen eine Sammlung
einzelner Biographien der jüdischen Einwohner von Neukirchen seit
1900 und fand dabei heraus, dass damals mehr als 100 Juden im Ort lebten.
Über die Hälfte von ihnen kam ums Leben, aber das wissen
die Menschen heute nicht mehr. Diese 100 Menschen waren einst Nachbarn,
mit denen man spielte und die Jugend verbrachte. Aber sie wurden vergessen.
Das ist es, was ich zeigen wollte. Ich wollte [den Menschen] einen Teil
ihrer Wurzeln zurückgeben.
Greve
wurde 1946 in Berlin geboren und hatte schon früh Kontakt zu Juden.
Als sie acht Jahre alt war, kam ein Mädchen aus Israel in ihre
Klasse und wurde neben sie gesetzt; heute lebt das Mädchen von
damals in Shanghai, doch die beiden verbindet eine lebenslange Freundschaft.
Am Gymnasium bestand die Klasse teilweise zu einem Drittel aus Juden
mit Eltern, die im Krieg geflohen, aber später zurückgekehrt
waren. Der Schuldirektor hatte den Krieg sogar versteckt in Deutschland
überlebt. Von Anfang an interessierte ich mich sehr für
das Judentum. Es wurde mir vertraut, erklärt Greve.
1976
heiratete sie und bekam kurz darauf ein Kind. Die Familie zog nach Hessen,
in eine ehemalige, allerdings stark verfallene Wassermühle am
Ende der Welt, die sie renovierten. Greve studierte an der nahe
gelegenen Universität Marburg Europäische Ethnologie und Kunstgeschichte,
weil ich wissen wollte, wovon ich umgeben war welche Menschen
hier gelebt hatten, wer sie waren. Im Rahmen ihrer kulturhistorischen
Forschungen zur Region Schwalm stieß Greve schließlich auch
erstmals auf die Geschichte der Juden im Kreis Ziegenhain.
Ich
wollte wissen, wie sie lebten, wie ihre Religion war und insbesondere
wie sie diese Religion in den sehr traditionell-christlichen Dörfern
ausüben konnten, erinnert sie sich. Sie begann Artikel zu
jüdischen Themen zu schreiben und brachte schließlich ihr
erstes Buch heraus: Heimatvertriebene Nachbarn. Mit dem
Schwerpunkt auf Oberaula, Neukirchen und anderen Städten in der
Region machte sie sich daran die jüdische Geschichte der Region
zu schreiben. Sie durchstöberte Archive zur Zeit zwischen den Weltkriegen
und kontaktierte ehemalige jüdische Einwohner in aller Welt.
Als
Lehrerin initiierte sie ein interaktives Programm, bei dem Viertklässlern
die Geschichte der Juden, die einst in der Stadt Rauschenberg gelebt
hatten, vermittelt wird. Sie reiste durchs Land, hielt Vorträge
in verschiedenen Dörfern und erklärte die Symbole und Rituale
des Judentums, von Grabinschriften bis hin zur Bedeutung des Pessach.
Sich daran zu erinnern, dass es einst so viele Juden hier gegeben
hatte und dann [zu sagen], ,Was ist mit ihnen geschehen?,
erklärt Greve. Das ist die Frage, die ich stellte: Was passierte
mit all den anderen? Die jüngere Generation hatte noch nie zuvor
etwas über jüdisches Leben gehört. Es gibt keine Juden
in ihrem Umfeld; manch einer lebt direkt neben der ehemaligen Synagoge
und ahnt nichts davon. Und vom jüdischen Friedhof wusste man wohl,
dass es ihn gibt, aber niemand ging dorthin, niemand konnte die Traditionen
erklären. Das war mein Projekt: einen Beitrag zur Wissensvermittlung
zu leisten.
Greve
sammelte Informationen zu den aus dem Kreis Ziegenhain deportierten
jüdischen Familien, stets von der grundlegenden Frage ausgehend:
Was geschah mit ihnen? Sind sie entkommen? Wurden sie deportiert?
Sie kontaktierte Verwandte und bat sie um Fotos und Dokumente. Mit geradezu
detektivischem Einsatz setzte sie dann die Teile zusammen.
In
vielen Fällen war das nicht einfach. Einige jüdische Dokumente
waren im Laufe der Zeit abhanden gekommen. In anderen Fällen hinderte
das deutsche Datenschutzgesetz Greve daran, auch nur die grundlegendsten
Fakten aus den Archiven herauszuziehen, wie Heirats- und Sterbedaten.
Ich konnte also nur zum Friedhof gehen und auf die Grabsteine
schauen, wo die Daten geschrieben standen, erklärt Greve.
Das war sehr interessant wie ein großes Puzzle. Es
macht mich glücklich, wenn ich fehlende Glieder in den Familiengeschichten
finde.
Zu
ihren persönlichsten Entdeckungen gehören ein Foto und ein
Brief, geschrieben von dem 16-jährigen Mädchen Bettina Wallach,
das aus Oberaula ins Konzentrationslager deportiert wurde. Über
die Erfahrungen dieses Mädchens schrieb Greve einen bewegenden
Artikel. Aber es gibt so viele, von denen nichts geblieben ist.
Es ist sehr wichtig über diese Kinder zu sprechen. Niemand kennt
sie. Es gibt keine Fotos, keine Briefe, keine Unterlagen einfach
gar nichts. Ich weiß aus den Geburtsregistern, dass sie existierten,
aber niemand kann mir etwas über sie erzählen, niemand erinnert
sich.
Greves
aufopfernde und akribische Arbeit über viele Jahre hinweg
hält die Hoffnung auf ähnliche Erfahrungen wie meine aufrecht,
erklärt Marienne Duggan aus Victoria, Australien. Frau Greve
hat einzigartige und wertvolle Informationen über eine kleine,
aber stolze und lebendige jüdische Landgemeinde in Hessen gerettet
und dafür gesorgt, dass zukünftige Generationen ihre reichen
Wurzeln kennen und besser verstehen lernen können.
Elizabeth
Levy, eine Nachfahrin von Juden aus Oberaula, ist dankbar, dass Greve
es geschafft hat, viele Stammbäume zu rekonstruieren, die
bis auf das Jahr 1600 zurückgehen
[und] in ihren zahlreichen
Artikeln, Büchern, Publikationen und Vorträgen das Leben und
komplette Gemeinden in diesen Dörfern wieder auferstehen zu lassen.
Barbara bemüht sich darum, den Menschen von heute zu vermitteln,
dass jüdisches Leben und jüdische Geschichte auch ein Teil
des deutschen Lebens und der deutschen Geschichte ist. Seit ihrer
Pensionierung im Jahr 2007 hat Greve sich mit der Erforschung der Geschichte
dreier Synagogen im Kreis Ziegenhain beschäftigt. Ihre Ergebnisse
sollen in einer Anthologie über hessische Synagogen veröffentlicht
werden.
Dabei
geht es mir um zwei Dinge: Einerseits ist es mir wichtig, den jüdischen
Menschen einen Teil ihrer Wurzeln zurückzugeben. Andererseits möchte
ich aber auch vor Ort die Erinnerung an die Menschen wach halten, die
einst in unserer Nachbarschaft lebten, daran, dass sie Juden waren und
dass man sie gekannt hätte.
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