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WOLFRAM
KASTNER
München, Bayern
Vorgeschlagen von Samuel Golde, München, Deutschland; Inge und
Martin Goldstein, New York, NY; Joyce Rohrmoser, Salzburg, Austria;
Peter Jordan, Manchester, England;
und Gavriel Rosenfeld, Fairfield, CT
Unruhe stiften ist
Wolfram Kastners Beruf. Mit seinen Interventionen provoziert
der Künstler Diskussion, wo vorher nur schweigende Stille war,
aber nicht selten auch Verbote und sogar persönliche Bedrohungen.
So wie bei seiner Aktion 1993 in München zur Erinnerung an die
Reichsprogromnacht: Zwei als SA-Männer Uniformierte trieben fünf
andere mit einem gelben Stern durch die Fußgängerzone. Politiker
sag Das ist nicht der Ort für solche Aktionen,
erinnert sich Kastner. Ich meine, natürlich ist es der richtige
Ort; es begann nicht in Auschwitz, sondern mitten drin. Die an
der Aktion Beteiligten erhielten Anklagen und sogar Morddrohungen. Kastners
Anwalt legte sein Mandat nieder. Er selbst ließ sich nicht einschüchtern.
Nein, nein, nein, wiederholt er langsam, und seine Stimme
unterstreicht, dass Aufgeben nicht in Frage kommt. Das hieße
Kapitulation.
Doch gezielte Provokation
ist nur ein Mittel des 57-Jährigen, der in München lebt. Er
machte politische Bildungsarbeit für Erwachsene, schrieb ein Buch
über Kreativität und gründete daneben einen eigenen Verlag
und eine Stiftung zur Erinnerung an den Sozialdemokraten Kurt Eisner.
Kastner, der Kunst, Germanistik, Psychologie, Soziologie, Kunstgeschichte,
Pädagogik und Politik studierte, malt und fotographiert. Und er
macht Aktionen und Installationen in der Öffentlichkeit zu einem
breiten Themenspektrum von Projekten zur Lage von Asylbewerbern
bis zu anti-militaristischen Aktionen. Sein Ansatz ist eindeutig interdisziplinär.
I will als Künstler nicht der Solotänzer sein, der einzelne
Geniale, erklärt er. Ich will Menschen unmittelbar
einbeziehen.
Rund 40 waren beteiligt
bei seinem letzten Projekt zur Erinnerung an Deportierte aus dem Münchner
Stadtteil Bogenhausen. Über ein Jahr forschte und recherchierte
die Gruppe. Mit Veranstaltungen und einer Ausstellung porträtierten
sie die Ermordeten nicht nur als Opfer, sondern als Menschen
mit eigener Geschichte. Kastner machte kostenlose Führungen mit
großem Zuspruch und arrangierte eine Installation: 17 weiße
Koffer stellte er auf die Straße, um an 17 deportierte Juden eines
Hauses zu erinnern. Wenn die Menschen sehen, es geschah in ihrer
Straße, kommt ihnen das nahe; das löst Aufmerksamkeit aus
und sensibilisiert, sagt er.
An Kastners sensible
Art erinnert sich Samuel Golde aus München gut. Als seine Mutter
starb, begann der 45-Jährige die Vergangenheit seiner jüdischen
Vertreibung. Kastner fuhr mit ihm zwei Mal in die frühere Heimatstadt
Schonungen in Süddeutschland, half ihm Akten zu finden und Zeitzeugen
zu befragen. Er hat mich sehr einfühlsam begleitet während
dieses anstrengenden und emotionalen Prozesses, erinnert ich Golde.
Es wäre sehr schwer für mich gewesen, das allein zu
machen.
Peter Jordan aus
Manchester, der von Kastner zu seinem Leben im Deutschland der dreißiger
Jahre interviewt wurde, sieht ein charakteristisches Motiv in den Arbeiten
des Künstlers: Es ist sein Wunsch das individuelle Schicksal
jüdischer Menschen zu würdigen und die Erinnerung
sichtbar zu machen, an den Orten, wo sie lebten und arbeiteten, in ihrer
Nachbarschaft, an
ihren Schulen etc., erklärt Jordan.
Doch damit kein
Gras über die Geschichte wächst, hat Kastner immer wieder
die Grenze des Erlaubten getestet. Zur Erinnerung an die Bücherverbrennungen
1933 fügte er in mehreren deutschen Städten dem öffentlichem
Grün Brandspuren zu oder organisierte Lesungen aus
einst verbotenen Büchern. Wenn Kunst auf die Straße
geht, ist das riskant, aber auch spannend, weil die Menschen nicht wie
im Museum wissen: ach, ist ja eh nur Kunst, erklärt er.
Dafür erhält
Kastner regelmäßig Anzeigen. Verfolgt wurde er wegen Aktionen
seit 1993 gegen die jährliche Gedenkfeier von SS-Veteranen auf
dem Salzburger Friedhof oder der Interventionen gegen anti-jüdische
Darstellungen an Kirchen wie in Regensburg. Er sprayte das Wort Judensau,
um auf den kirchlichen Ursprung des von alten und neuen Nazis verwendeten
Schimpfworts hinzuweisen. Wolfram fasst die Probleme nicht mit
Samthandschuhen an, sein Ansatz ist schonungslos, direkt und oft mit
persönlichem und finanziellem Risiko verbunden, erklären
Inge und Martin Goldstein, die ihn seit 1995 kennen.
Zivilcourage konnte
er sich schon bei seiner Großmutter abschauen. Mit 14 trat sie
illegal in die SPD ein. Später, als ihr Mann 1933 ohne ihre Wissen
Mitglied bei der NSDAP wurde, ging sie zum Parteibüro und gab sein
Mitgliedsbuch wieder zurück. Meine Großmutter war ein
wichtiges Vorbild für mich, sagt er. Durch sie habe
ich gelernt, du kannst etwas machen und trotzdem passiert dir nichts.
So macht Wolfram
Kastner trotz aller Verbote, Anzeigen und Morddrohungen weiter. Ich
hoffe nur,
ich werde 130 Jahre alt, so dass ich alle Projekte verwirklichen kann,
für die ich Ideen habe. sagt er.
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