HEIDEMARIE KUGLER-WEIEMANN
Lübeck, Schleswig-Holstein
Vorgeschlagen von Eva Arond, Lexington, MA; Karen Komar, Newton, MA; Riva Lexandrowitz-Oron, Ra’anana, Israel; Marion Portman, Las Vegas, NV; Claudia Strauss, Wyomissing , PA; Rosalye Yashek, Wyomissing, PA

2010

Seit fast zwei Jahrzehnten befasst sich Heidemarie Kugler-Weiemann inzwischen schon intensiv mit der Holocaust-Geschichte ihrer Stadt. Mit ihren Recherchen, Vorträgen, Führungen, Ausstellungen, Foren, Gedenkaktivitäten, Artikeln und Büchern hat sie nicht nur in ihre Gemeinde hinein gewirkt, sondern auch sehr starke persönliche Beziehungen zu Überlebenden aufgebaut.

Wenn sie darüber nachdenkt, wie alles begann, erinnert sie sich sofort an das nervöse Augenleiden ihrer Großmutter. Kugler-Weiemann wurde 1951 in Lübeck geboren, und „der Krieg war mir als Kind sehr gegenwärtig“, weil es in ihrer Familie viele unterschwellige Erinnerungen gab, aus denen eine besonders heraussticht: der Tag, an dem die Gestapo ihren Großvater festnahm, weil er BBC Radio gehört hatte. Obwohl er später wieder freigelassen wurde, litt ihre Großmutter ab diesem Zeitpunkt unter einem nervösen Augenzucken.

„Mein Vater erzählte mir, dass mein Großvater von da an ein gebrochener Mann war. Er hatte sich verändert. „Vielleicht begann ich deshalb mich für die Geschichte zu interessieren, um mehr über das Geschehene zu erfahren. Man sagt, dass in vielen Familien nicht über diese Zeit geredet wurde – bei uns wurde aber sehr wohl darüber gesprochen, und ich denke, das Trauma hat sich in mir fortgesetzt.“

1992 trat Kugler-Weiemann eine Stelle als Lehrerin an Lübecks erster, damals neu gegründeter integrierter Gesamtschule an (die Wert auf kleine Arbeitsgruppen und persönliche Lehrmethoden legte), weil sie „mit der Arbeitsweise herkömmlicher Schulen nicht zufrieden war“. Die Schule hatte damals noch keinen Namen, doch während ihrer Recherchen zur Geschichte des Lübecker Bildungssystems in der Nazizeit stießen Kugler-Weiemann und ihre Kollegen auf die bewegende Geschichte dreier kleiner Geschwister – Margot, Martin und Max Prenski –, die in den Tod deportiert wurden. Das war der Beginn für Heidemarie Kugler-Weiemann.

Sie schaltete Anzeigen in der lokalen Presse und bat Menschen, die die Familie Prenski gekannt hatten, ihr über ihre Erinnerungen zu berichten. Die Interviews, Fotos und Dokumente stellte sie zu einer Ausstellung zusammen: „Spuren der Geschwister Prenski“. 1993 reiste sie schließlich nach Israel, um mit der ältesten überlebenden Schwester der drei Geschwister, Sophie, zu sprechen, die damals sagte: „Es wäre gut, wenn die Schule nach ihnen benannt würde. Sie waren noch so klein.“ Nachdem ein verdächtiges Feuer in der Lübecker Synagoge noch zusätzliche öffentliche Unterstützung ausgelöst hatte, erhielt die Geschwister-Prenski-Schule schließlich ihren Namen.

Seit dieser Zeit kämpft Kugler-Weiemann in ihrer Schleswig-Holsteinischen Heimatstadt leidenschaftlich weiter für eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Ein Tätigkeitsfeld ist dabei ihre Schule: Hier initiierte sie ein Programm zur Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte und dem Holocaust sowie Schreib- und Kunst-Workshops, damit „jede Schülerin, jeder Schüler einen eigenen Weg zur Geschichte finden kann“. Einige ihrer Schüler reisten sogar für Recherchen nach London, um mit Kugler-Weiemanns Hilfe eine Ausstellung zu realisieren, die viel Anerkennung fand: Es ging darin um die Exodus, das Schiff, das sich 1947 mit jüdischen Passagieren auf den Weg nach Palästina machte. Von den Briten zurückgewiesen, wurden einige der Passagiere zeitweise in Lübeck interniert.

Eine ehemalige Klassenkameradin von Margot Prenski, Marion Gumprecht Portman aus Las Vegas, erklärt dazu: „Unter Anleitung von engagierten Lehrern wie Heidemarie ist die jüngere Generation der Deutschen bereit die Sünden ihrer Großväter anzuerkennen, sich damit auseinanderzusetzen und die Welt vor den Gefahren des Antisemitismus und jeglicher Form ethnischen und religiösen Hasses zu warnen.“

Kugler-Weiemann veröffentlichte später die Briefe zweier Schwestern, die nicht mehr rechtzeitig aus Lübeck fliehen konnten und in den Tod deportiert wurden, an ihre Schwester, die mit ihrem Ehemann nach Shanghai emigriert war, in dem Buch „Hoffentlich klappt alles zum Guten“. Ein weiteres Buch, „Poppendorf“, dokumentiert die Geschichte eines ehemaligen Konzentrationslagers in der Region und wurde mit Kugler-Weiemanns Unterstützung von ihren Schülern recherchiert und geschrieben.

Die vielleicht persönlichste ihrer Arbeiten erwuchs jedoch aus der Beziehung zu einem ehemaligen Lübecker Juden und Holocaust-Überlebenden, dem Amerikaner Richard Yashek. Kugler-Weiemann konnte ihn nicht nur davon überzeugen über seine Erinnerungen zu sprechen, sondern übersetzte seine Memoiren später auch unter dem Titel „Die Geschichte meines Lebens“
ins Deutsche.

Für Yashek’s Ehefrau Rosalye haben Kugler-Weiemanns Mitgefühl und Verständnis und ihr tiefer Wunsch, Richard über seine Erfahrungen sprechen zu hören, sein Leben grundlegend verändert. Heidemarie „war wie ein Engel. Sie hat Richards Leben so viel mehr Sinn gegeben“, erklärt Rosalye Yashek. „Nichts, was ich tun konnte, ist mit dem zu vergleichen, was sie für meinen Mann, meine Familie, für so viele Menschen in der Gemeinde, in der er aufwuchs, getan hat und weiterhin tut.“

Kugler-Weiemanns Arbeit hat tatsächlich eine tiefe und bleibende emotionale Wirkung auf die Menschen gehabt. „Wie hat sie das gemacht? Wie hat sie es geschafft, so viele Augen zu öffnen, so viele Menschen zu inspirieren, so viele Bindungen zu knüpfen?”, fragt Claudia Strauss, eine Nachfahrin von Holocaust-Überlebenden und Freundin von Yashek aus Wyomissing, Pennsylvania, USA. „Wenn es eine Zauberformel dafür gibt, hat Heidemarie sie gefunden: Beharrlichkeit, Aufrichtigkeit, partnerschaftlicher Umgang mit anderen, das Öffnen von Türen für Menschen, ihre Fähigkeit anderen zu helfen sich einer Person, einem Tag, einem Ort, einer Geschichte, einer Begegnung zur Zeit zu widmen.“

Riva Lexandrowitz-Oron aus Israel lobt Heidemarie Kugler-Weiemanns „umfassendes Wissen, ihr Engagement, ihre Identifikation mit der Sache, ihre fundierten Recherchen und die verschiedenen Publikationen – immer gepaart mit ihrer freundlichen, intelligenten, sensiblen und rücksichtsvollen Persönlichkeit.“

Kurz nach ihrem 50. Geburtstag begann Kugler-Weiemann unter Schwindelanfällen zu leiden und musste ihren Beruf aufgeben. Heute lebt sie mit ihrem zweiten Ehemann in der Lübecker Altstadt und führt ihre Recherchen zwar fort, muss sich jedoch in ihren Aktivitäten einschränken. Trotzdem wirkt die tiefe emotionale Bindung zu ihrer Arbeit – und zu anderen Menschen – immer noch weiter. „Menschen wie Richard und seine Familie zu treffen ist ein Wunder“, erzählt sie. „Richard war einer der besten Freunde, die ich in meinem Leben hatte.“

„Ich bin wie eine Schnecke – sehr langsam, und heute noch langsamer als früher. Aber auch Schnecken kommen schließlich an ihr Ziel.“