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WALTER
OTT
Münsingen-Buttenhausen, Baden-Württemberg
Vorgeschlagen
von George Arnstein, Washington, DC; Bernice Blumenthal, Silver Spring,
MD; Ann Dorzback, Louisville, KY; Donald Harrison, San Diego, CA; Hans
Hirsch, Bethesda, MD
Im
Jahr 1973 machte Walter Ott in Kisten und Kartons, die während
der Renovierung der Schlosses Buttenhausen bei ihm gelagert wurden,
eine erstaunliche Entdeckung: Unter den Dokumenten fanden sich etliche
Belege zur 200-jährigen jüdischen Geschichte der Stadt, darunter
z. B. der Judenschutzbrief des Reichsfreiherrn von Liebenstein
anlässlich der Ansiedlung der ersten 25 jüdischen Familien
im Jahr 1787.
Ich
war beeindruckt von dieser Geschichte. Sie war tabu, so Ott, der
1928 nahe Stuttgart geboren wurde und die meiste Zeit seines Lebens
in der Landwirtschaft tätig war. Über das Thema wurde
in Buttenhausen nicht gesprochen; es war ganz neu für mich. Also
fragte ich die Menschen: ,Warum sprecht ihr nicht mehr über die
jüdische Gemeinde?, und sie meinten, ,oh, das ist so lange
her. Dies ist ein kleines Dorf, und niemand wollte darüber
sprechen, aber die Wahrheit ist, dass drei Viertel der Bevölkerung
hier Nazis waren.
Ott
sortierte und katalogisierte die in den Kisten und Kartons gefundenen
Unterlagen und Dokumente und ergänzte sie durch Recherchen in den
Stadtarchiven. Auf diese Weise entstand erstmals ein jüdisches
Archiv, vom Jahr 1787 bis hin zur Deportation nach Theresienstadt, Auschwitz
oder in andere Konzentrationslager in den letzten Jahres des Krieges.
(Buttenhausen, tief in der Schwäbischen Alb gelegen, war ein Sammelpunkt,
von dem aus Juden aus ganz Deutschland in die Konzentrationslager deportiert
wurden).
Als
fünffacher Vater und Landwirt auf einem ehemals königlichen
400-Hektar-Gut blieben Ott nur die Abende und Sonntage, um sich zu Hause
durch ein kreatives Chaos an Dokumenten und Unterlagen zu
kämpfen und dieses vergessene Kapitel der Vergangenheit seiner
Stadt zu dokumentieren. Das Ergebnis: Buttenhausen hat inzwischen ein
von Ott aufgebautes Jüdisches Museum, wo der 81-Jährige bis
heute Führungen macht (für Schulklassen ebenso wie z. B. für
ehemalige Soldaten), bei denen er die Geschichte und Traditionen erklärt,
die die Juden zurücklassen mussten.
Doch
nicht nur das: Ott hat auch gemeinsam mit seinen Kindern den in der
Reichspogromnacht zerstörten und seitdem verfallenen jüdischen
Friedhof der Stadt wieder aufgebaut und Ausstellungen für Jugendliche
gestaltet, in denen sie Einzelheiten über die Verbrechen des Dritten
Reiches in der Region erfahren.
Als
ich mit meinen Recherchen begann und mich an den Wiederaufbau des Friedhofs
machte, wurde ich von den Menschen in der Stadt nicht unterstützt.
Sie sagten, sie wollten das nicht sehen. Sie hatten ihr Gedächtnis
verschlossen und konnten sich nicht an die Geschichte erinnern,
so Ott.
Deshalb
ist es wichtig und nötig , dass junge Menschen hierher
kommen und etwas über die jüdische Geschichte Buttenhausens
erfahren. Heute sind die Einwohner dankbar, dass ich die Ausstellungen
mache. Es kommen Schulklassen, um Originaldokumente und Fotos von der
ehemaligen jüdischen Gemeinde zu sehen, und das ist mir besonders
wichtig.
Ott
war als Junge Mitglied der Hitlerjugend und machte während des
Zweiten Weltkriegs eine landwirtschaftliche Ausbildung. Sein Vater,
der bei der Bahn arbeitete, war ein vehementer Gegner des Nationalsozialismus;
Otts älterer Bruder, ein Funkspezialist, musste jedoch als 19-Jähriger
mit der Wehrmacht nach Russland ziehen und kam in Stalingrad ums Leben.
Nach dem Krieg trat Ott in Buttenhausen eine Stellung in der Landwirtschaft
an, und schon 1956 fand er erste schriftliche Belege für die einstige
jüdische Gemeinde der Stadt. Aber erst als das Schloss restauriert
wurde und die Fülle an historischen Dokumenten den Weg in sein
Haus fand, nahm Ott die Mission auf.
Beim
Studium der Dokumente stieß Walter auch auf die Namen der jüdischen
Familien, die über Jahrhunderte in Buttenhausen gelebt hatten.
Aber als er Fragen dazu stellte und seine Recherchen im Ort bekannt
wurden, versuchte der Bürgermeister ihn davon abzuhalten, weiter
in der Geschichte zu graben, erinnert sich Donald Harrison aus
San Diego, Kalifornien. ,Was ich tue, ist meine eigene, private
Angelegenheit, und das geht niemanden etwas an, erwiderte er,
und setzte seine Arbeit fort. Im weiteren Sinne ist Walter Ott von entscheidender
Bedeutung für die Bewahrung des Gedenkens an eine wichtige ehemalige
jüdische Gemeinde in Südwestdeutschland.
Neben
der Arbeit auf dem verlassenen jüdischen Friedhof sammelte Ott
auch Familienzeugnisse und bemühte sich unermüdlich um Kontakt
zu den Nachfahren der Buttenhausener Juden. Inzwischen waren schon viele
von ihnen aus aller Welt mit ihren Familien zu Besuch. Ott nahm Verbindung
zu Archiven in Auschwitz, Berlin und Israel auf; eine deutsche Fernsehstation
hat seine Arbeit in dem Film Von Menschen und Steinen dokumentiert.
1997
erhielt Ott in Stuttgart die Otto-Hirsch-Medaille, die im Gedenken an
den im Konzentrationslager umgekommenen ehemaligen Präsidenten
des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg
und späteren Geschäftsführenden Vorsitzenden der Reichsvertretung
der Juden in Deutschland verliehen wird.
Heute
kommen Schulkinder und deutsche Soldaten aus der ganzen Region ins Buttenhausener
jüdische Museum, um etwas über ihre schwierige Vergangenheit
zu erfahren, damit sie sehen, wie es wirklich war.
Die
Menschen, die ich wiederentdeckt habe, waren Bürger von Buttenhausen,
so Ott. Da gab es bis 1933 eine Gemeinde, und dann endete plötzlich
alles. Es war so schwer, so schwer, als die ehemaligen Juden von Buttenhausen,
die während der Nazizeit fliehen konnten, zurückkamen und
über ihre Erfahrungen sprachen. Für mich war das Schlimmste
an Buttenhausen, dass es eine Art ,Durchgangslager war, in das
Juden aus dem ganzen Land, von Karlsruhe bis München, gebracht
wurden, bevor sie endgültig in den Tod deportiert wurden. Es war
ein Sammelpunkt für die großen Städte.
Und
was sagt die junge Generation zu Otts Arbeit?
Viele
fragen: ,Warum haben meine Eltern nicht mit mir über diese Zeit
gesprochen?, so Ott. Das Thema wurde in vielen Familien
einfach totgeschwiegen. Es ist sehr wichtig, dass junge Menschen von
sich aus kommen. Sie machen Fotos. Sie sprechen in kleinen Gruppen miteinander.
Sie zeigen Interesse.
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