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FRITZ
REUTER
Worms, Rheinland-Pfalz
Vorgeschlagen von Marga Dieter, Brookline, MA; Miriam Gerber, Portland,
OR; Eric Mayer, New York, NY; Stella Schindler-Siegreich, Worms/Pfeddersheim,
Deutschland; and Gerhard Spies, Mamaroneck, NY
Fritz Reuter gründete
das erste jüdische Museum nach dem Zweiten Weltkrieg, half bei
der Wiederherstellung des ältesten jüdischen Friedhofs in
Europa und begleitete die Wiederbelebung einer Synagoge, die eine der
ältesten jüdischen Gemeinden des Mittelalters repräsentiert.
"Am allerwichtigsten war für mich jedoch das Buch ,Warmaisa',
so Reuter, "weil es das Interesse so vieler Menschen geweckt hat.
Wir wollten das Gefühl der Fremdheit überwinden, das die Menschen
gegenüber der jüdischen Religion, dem jüdischen Leben,
den jüdischen Gebäuden empfinden. Wir wollten ihnen zeigen,
dass es [für Christen und Juden] möglich ist, miteinander
zu leben."
Worms war im Mittelalter
ein florierendes Zentrum des jüdischen Lebens und der jüdischen
Kultur in Europa. Und Reuter ist es gelungen, dieses Erbe mit seiner
Arbeit, die er jetzt schon ein halbes Jahrhundert lang verfolgt, wiederzuentdecken
- und weitgehend zu rehabilitieren. "Warmaisa: 1.000 Jahre Juden
in Worms" ist nicht nur die erste - und vielleicht bisher fundierteste
- Geschichte des reichen jüdischen Erbes in Worms. Reuter war 1995
auch Mitbegründer des Vereins Warmaisa (was auf Hebräisch
Worms heißt), der sich für den Erhalt dieses Erbes für
die Öffentlichkeit einsetzt. Als ehemaliger Leiter des Stadtarchivs
betreute er auch Führungen, publizierte Bücher und Artikel
und war das "menschliche Gesicht", das hinter der Wiederbelebung
der Wormser Judengasse bzw. des Jüdischen Viertels stand. Heute
gehört das Viertel zu den bedeutendsten Anziehungspunkten für
Menschen, die das alte jüdische Europa besuchen möchten.
In den Worten des
gebürtigen Wormsers Gerhard Spies, der nach Mamoroneck, USA, emigrierte,
wurde Reuter "niemals müde in dem Bemühen, die jüdische
Seele von Worms wieder herzustellen und sie für die Ewigkeit zu
erhalten. Er war davon überzeugt, dass es wichtig war, der deutschen
Bevölkerung nach dem Krieg das reiche Erbe an Kunst, Architektur,
Philosophie und Geschichte nahe zu bringen, das die Juden hinterlassen
haben."
Reuter, 78, ist
der Erste, der zugibt, dass es keine leichte Aufgabe war und der Weg
keineswegs geradlinig verlief. Als Sohn eines Chemikalienhändlers
studierte er zunächst Musik, in der Hoffnung, Fagottist oder Kontrafagottist
zu werden. Fast zehn Jahre lang arbeitete er als Drucker und machte
im Abendstudium sein Abitur nach. Mit 28 begann er dann das Studium
der Deutschen Geschichte an der Mainzer Universität. Erst mit Mitte
30, als er seine Tätigkeit als Archivar in Worms aufnahm, entdeckte
Reuter, "welche Bedeutung die jüdische Gemeinde für die
Entwicklung der Stadt hatte, vom Mittelalter bis hin zur Neuzeit".
Von da an engagierte er sich für die Wiederherstellung - und eine
Art "Neuerzählung" - dieser Geschichte. "Wir versuchen
das Bewusstsein der Menschen in Worms zu wecken, sodass sie sehen, was
die Juden hier geleistet haben", erklärt er.
Ab 1961, nach der
Vollendung des Wiederaufbaus der mittelalterlichen Wormser Synagoge,
die in der Kristallnacht niedergebrannt worden war, spielte Reuter eine
wichtige Rolle bei der Wiederbelebung dieses einstigen Zentrums der
jüdischen Kultur in Europa. Im darauffolgenden Jahrzehnt half er
bei der Erforschung und Restaurierung des 1000 Jahre alten Friedhofs
Heiliger Sand.
Seine vielleicht
größte Leistung war im Jahr 1982 die Gründung des Jüdischen
Museums der Stadt: Das Raschi-Haus, benannt nach dem berühmten
Talmud-Gelehrten, der im 11. Jahrhundert in Worms studierte, wurde auf
dem alten Gelände des ehemaligen Tanzsaals der jüdischen Gemeinde
errichtet. Reuter spürte Hunderte von alten Gegenständen und
Artefakten auf (von Tellern über Menorot bis hin zu Torahrollen)
und schuf Szenenmodelle von Sederabenden und Hochzeitsfeiern. Mit seiner
Arbeit leitete er eine ganz neue Ära der Diskussion in der Gemeinde
ein.
"Zu den bemerkenswerten
Leistungen [von Reuter] gehört seine Fähigkeit, bei jungen
Menschen die Neugier auf die jüdische Kultr zu wecken", so
Marga Dieter, eine gebürtige Wormserin, die heute in Brookline,
USA, lebt.
Reuter erinnert
sich: "Der Anfag war schwer. Die Besucher kamen nach Worms, um
nach jüdischen Stätten zu suchen, und wussten nicht, wo sie
zu finden waren. Und für viele Einheimische war das immer noch
etwas Fremdes, wenig Bekanntes - sie waren einfach nicht interessiert."
Reuter berichtet weiter: "Heute zeigen sie großes Interesse.
Jetzt können sie kommen und Fragen stellen. Ich kenne viele Menschen,
die dankbar sind für die Arbeit, die wir begonnen haben."
Zu ihnen gehört
auch Bill Clinton, der 1987, während seiner Zeit als Gouverneur
von Arkansas, das Raschi-Haus besuchte und sich eine Stunde lang mit
Reuter über verschiedene Themen unterhielt, vom jüdischen
Geschäftsleben in Worms bis hin zu Geschichten über die Judengasse.
Reuter erhielt im Namen des US-Senats eine Auszeichnung aus den Händen
des US-Senators Frank Lautenberg.
Aus Reuters Forschungsarbeiten
zum Leben der Wormser Juden, die dem Holocaust zum Opfer fielen, sind
Gedenktafeln und um die 40 Stolpersteine in ihrem Namen hervorgegangen.
Von seiner Frau Paule wurde Reuter stets engagiert unterstützt.
Sie war ihm nicht nur eine treue Begleiterin, sondern arbeitete bis
zu ihrem Tod im Jahr 1999 mit ihm gemeinsam am Aufbau des Museums und
als Fremdenführerin durch das jüdische Worms. Seine Tochter
Ursula setzt die Familientradition fort: Sie hat einen Doktortitel in
Geschichte, mit dem Spezialgebiet Judaistik.
Reuter, der in seiner Jugend Mitglied des Jungvolks und der Hitlerjugend
war, ist mit seiner Arbeit zur Rettung der jüdischen Geschichte
von Worms der lebende Beweis für den Versuch, sich als Einzelner
mit den bitteren Wahrheiten der Vergangenheit zu versöhnen - und
sie zu überwinden. Sein größter Wunsch ist heute, das
jüdische Leben in Worms (wo derzeit 120 bis 150 Juden leben) wieder
feste Wurzeln fassen zu sehen, wie es in nahe gelegenen Städten
wie Mainz, Mannheim und Heidelberg bereits der Fall ist.
"Ich hoffe,
dass das Museum wächst und dass hier wieder eine jüdische
Gemeinde entsteht", erklärt er. "Nur mit einer lebendigen
neuen Gemeinde können wir dafür sorgen, dass Worms zu einer
jüdischen Stadt wird und nicht nur ein jüdisches Museum bleibt.
Das ist meine Hoffnung."
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