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ERNST
SCHÄLL
Laupheim, Baden-Württemberg Vorgeschlagen von George Arnstein, Washington, DC; Ernest Bergmann, State College, PA; Ann Dorzback, Louisville, KY; Fred Einstein, West Orange, NJ; Hans Hirsch, Bethesda, MD; and Sven Treitel, Tulsa, OK Mehr als 20 Jahre lang folgte Ernst Schäll einem ganz eigenen Tagesablauf: Jeden Tag - außer sonntags - führte ihn sein Weg zum Jüdischen Friedhof in Laupheim, wo seine Werkstatt, voll mit Werkzeugen und Grabsteinen in unterschiedlichen Stadien des Verfalls, auf ihn wartete. Dort machte er sich dann mit viel Geschick und Engagement an die Wiederherstellung der Grabsteine, um sie nach 30 bis 70 Stunden sorgfältiger Arbeit wieder an ihren ursprünglichen Gräbern aufzustellen. Wer ihn bei dieser Arbeit beobachten oder unterstützen durfte, der sah, dass Schäll mehr als handwerkliches Talent und künstlerisches Gespür in diese freiwillige Tätigkeit einbrachte: Er brachte vor allem den Willen mit, sich an die Geschichte der Laupheimer Juden zu erinnern - und dafür zu sorgen, dass auch seine Mitmenschen sie nicht vergessen. "Es gelang ihm immer wieder, Jüngere für seine Arbeit zu interessieren und sie zur Mitarbeit anzuregen. Er wusste, wie sie am besten zu motivieren waren: nicht durch Worte, sondern durch Taten, durch seine Arbeit", so der Ingenieur Rolf Emmerich, ein langjähriger Weggefährte von Schäll. "Ernst hat sich all seine handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten selbst angeeignet. Er war in seiner Arbeit äußerst professionell - und er hat dazu beigetragen, das Bewusstsein der Menschen in Laupheim wachzurufen." Auch Schälls eigenes Bewusstsein, geprägt durch das, was er in seiner Kindheit im Zweiten Weltkrieg erleben musste, mag ihn dazu bewogen haben, in den vergangenen Jahrzehnten einen Beitrag zur Bewahrung des Jüdischen Gedenkens zu leisten. Schäll kam als Sohn einer Schneiderfamilie in Laupheim zur Welt, einer kleinen Stadt 100 km südöstlich von Stuttgart, und erinnert sich gut an die engen Kontakte, die sein Vater vor dem Krieg zu jüdischen Kunden und Freunden pflegte - und er weiß auch noch genau, wie es war, als 14-Jähriger den Tag zu erleben, an dem diese jüdischen Familien mit einem Mal verschwanden. "Ich erinnere mich an die Deportation", denkt er zurück. "Sie brachten sie zum Bahnhof und verluden sie dort in die Waggons. Und dann brachten sie sie fort. Ich habe alles gesehen, und es war eine schreckliche Erfahrung, die ich nie vergessen werde." Schäll, der im März seinen 80. Geburtstag feiert, gründete eine Familie und arbeitete 30 Jahre lang als Mechaniker, bevor er seine Aufmerksamkeit der Erhaltung der jüdischen Vergangenheit in Laupheim widmete. In den frühen 1980er Jahren - zu derselben Zeit, als er anfing, den verfallenen Jüdischen Friedhof zu besuchen und sich durch Bücher und praktische Arbeit das Restaurieren von Grabsteinen zu erschließen - begann Schäll sich auch mit der Geschichtsforschung zu befassen. So brachte er als Co-Autor zusammen mit dem Genealogen John Bergmann ein 600 Seiten starkes Buch heraus: "Der gute Ort. Die Geschichte des Laupheimer jüdischen Friedhofs im Wandel der Zeit", erschienen 1983. Nach seiner Pensionierung
stellten jüdische Familien, die von Laupheim in die USA und andere
Länder ausgewandert waren, Schäll die finanziellen Mittel
zur Verfügung, um seine Werkstatt mit Geräten und Maschinen
auszustatten und die Restaurierungsarbeiten auf dem 244 Jahre alten
Friedhof fortzusetzen. Auf diese Weise konnten im Schnitt jedes Jahr
acht Grabsteine wiederhergestellt werden. Aber das war noch nicht alles:
Schäll schrieb Dutzende von Artikeln und schließlich auch
ein Buch mit dem Titel "Friedrich Adler: Leben und Werk" über
den anerkannten Laupheimer Künstler und Designer, der 1942 in Auschwitz
umgebracht wurde. In Anerkennung seiner
herausragenden Leistungen wurde Ernst Schäll 1988 mit dem Bundesverdienstkreuz
ausgezeichnet; eine weitere offizielle Ehrung wurde ihm im Jahr 2000
mit der Stauffer-Medaille zuteil. Aber wichtiger noch als diese Preise
war für Schäll in all dieser Zeit wohl die Anerkennung der
Familien, die er mit seiner Arbeit berührt hat. "Man spürt
nicht nur einen tiefen Sinn für Gerechtigkeit, sondern auch ein
Gefühl der Verpflichtung, das von Herzen kommt", so Ann Dorzback,
eine gebürtige Ulmerin, die heute in Kentucky lebt. "Ernst
Schäll hat unseren Schmerz gefühlt, unser Leid, unseren Verlust
und unsere Verletzungen - und er hat die Bedürfnisse gespürt,
die daraus erwachsen, dass wir unsere Vorfahren zurücklassen mussten." "Natürlich gibt es noch immer Menschen, die nichts von ihrer Geschichte wissen wollen und [sogar einige], die leider auch heute noch dem nationalsozialistischen Gedankengut anhängen", so Schäll. Seine Entgegnung: "Deutschland muss sich erinnern. Wir dürfen
nie vergessen, was damals geschah. Der Schmerz der Menschen war so groß,
dass die Erinnerung daran stets wach gehalten werden muss. Das ist eine
sehr wichtige Aufgabe." "Der Friedhof
war in einem sehr schlechten Zustand, als ich mit meiner Initiative
zur Wiederherstellung der Steine begann", erinnert sich Schäll.
Rückblickend weiß er, dass die Jahrzehnte des Schleifens
und Feilens und des Modellierens von Steinen mehr waren als ein allgemeiner
Beitrag zur Erhaltung des Gedenkens an die Juden in Laupheim: "Ich habe mein
Ziel erreicht", sagt er. "Das Wichtigste ist, dass ich mit
meiner Arbeit die Erinnerung der Menschen wachgerufen habe." |
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