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BRIGITTA
STAMMER
Göttingen, Niedersachsen
Vorgeschlagen von Naomi Revzin, Potomac, MD, USA; Leonard Wein, Miami
Beach, FL, USA
Jahrzehntelang stand das kleine Fachwerkhaus im Dorf Bodenfelde unbeachtet
da, äußerlich unscheinbar und als Scheune genutzt. Dass es
sich in Wirklichkeit um eine 175 Jahre alte Synagoge handelte, war kaum
noch zu erkennen.
Heute steht das
kleine Gebetshaus im 40 km entfernten Göttingen und wird von den
etwa 160 Mitgliedern einer jüdischen Gemeinde genutzt. Dafür
wurde das Gebäude Wand für Wand und Stein für Stein abgetragen
und am ehemaligen Standort der Göttinger Synagoge wieder aufgebaut.
Eine unglaubliche Reise, die ohne Brigitta Stammer nicht möglich
gewesen wäre, denn sie trug federführend dazu bei, dass mehrere
hunderttausend Euro an privaten Spenden für das Projekt gesammelt
wurden.
"Ich wollte,
dass die neue jüdische Gemeinde ein Dach über dem Kopf, eine
eigene Synagoge bekommt und in die Göttinger Gesellschaft integriert
wird", so Stammer, die 1949 in Hamburg geboren wurde und seit 30
Jahren in Göttingen lebt.
Stammers Interesse
an der jüdischen Geschichte wurde während ihrer Schulzeit
durch einen jüdischen Lehrer geweckt, der ihr das Buch "Der
jüdische Witz" der polnisch-jüdischen Schriftstellerin
Salcia Landmann nahebrachte. Die Lektüre dieses Buches machte Stammer
nachdenklich und sie fragte sich, was wohl aus Deutschland geworden
wäre, wenn die Nazis nicht an die Macht gekommen wären.
Als die Synagoge
1825 gebaut wurde, gab es in Bodenfelde eine kleine, aber selbstbewusste
jüdische Gemeinde. Ab 1933 war den Gemeindemitgliedern jedoch klar,
dass ein Leben unter den Nazis für Juden unmöglich war. 1937
verkaufte schließlich der letzte Gemeindevorsteher die Synagoge
für 1.000 Reichsmark an einen Bauern und nahm die Torahrolle mit
nach Israel, wo sie sich bis heute befindet.
1938, in der Reichspogromnacht
vom 9. November, verteidigte der Bauer das Haus als sein Eigentum gegen
Nazi-Randalierer, die das Haus niederbrennen wollten. So entging die
kleine Synagoge dem Schicksal, das Hunderte von Synagogen in Deutschland
und Österreich in dieser Nacht ereilte.
Sprung ins Jahr
der deutschen Wiedervereinigung 1990: Zehntausende Juden emigrierten
aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland, und einige hundert
von ihnen kamen auch nach Göttingen. Zu dieser Zeit hatte Göttingen
mit seinen 200.000 Einwohnern einen jüdischen Bürgermeister,
der den Holocaust in England überlebt hatte. Der inzwischen verstorbene
Artur Levi nahm die neue jüdische Gemeinde freundlich auf und unterstützte
eine ungewöhnliche Idee: Auf Vorschlag von Detlev Herbst, Lehrer
und Experte für jüdische Lokalgeschichte, sollte die historische
Bodenfelder Synagoge nach Göttingen "transloziert" werden.
"Es war eine
verrückte Idee, eine Vision", erklärt Harald Jüttner,
ehemaliger Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Göttingen.
Und es war eine Idee, die Stammer bewegte. Sie erinnerte sich an einen
Besuch der Synagoge im verfallenen Zustand: "Es war ein sehr emotionaler
Moment, da zu stehen und zu wissen, dass dies ein Ort ist, an dem die
Menschen sich zum Gottesdienst versammelten und ihre Feiertage begingen.
Es war ein merkwürdiges Gefühl. Ich hatte ein Gotteshaus betreten
- wie eine Kirche - und stand doch in einem Schuppen. Ab diesem Moment
war ich überzeugt, dass das nicht sein darf."
Als eine Gruppe
nichtjüdischer Bürger zur Unterstützung der neuen Jüdischen
Gemeinde in der Stadt den "Förderverein Jüdisches Zentrum
Göttingen" gründete, wurde Stammer, die als Geschäftsführerin
eines Göttinger Unternehmens tätig ist, Schatzmeisterin des
Vereins und begann sofort damit für Spenden zu werben. "Und
ich war stets daran interessiert, das Geld für ein neues Zuhause
der jüdischen Gemeinde einzusetzen", erklärt sie.
"Frau Stammer
war der Meinung, dass ein Gebetshaus für ein lebendiges jüdisches
Gemeindeleben von zentraler Bedeutung ist, und dass das jüdische
Leben auch einen wichtigen Beitrag zum Leben in Göttingen leisten
kann", so die Nominierende Naomi Revzin, die im Nationalarchiv
der Vereinigten Staaten von Amerika arbeitet. Stammer wurde "zu
einer der wichtigsten Fürsprecherinnen [des Vereins] der Bodenfelder
Synagoge."
Während andere
sich um die Genehmigungen für die Umsetzung des denkmalgeschützten
Gebäudes nach Göttingen bemühten, kümmerte Stammer
sich als Schatzmeisterin um die Finanzen und gewann z. B. auch die Unterstützung
des Kirchenkreises Göttingen. Insgesamt kamen 500.000 Euro zusammen,
gespendet von Gemeinden der evangelischen, katholischen und der evangelisch-reformierten
Kirche sowie von Einzelpersonen. Auch den Abbau in Bodenfelde und den
Wiederaufbau in der Angerstrasse, wo die ursprüngliche Synagoge
während des Novemberpogroms niedergebrannt worden war, betreute
Stammer intensiv.
"Sie beaufsichtigte
den gesamten Ablauf, vom vorsichtigen Zerlegen über die Kennzeichnung
jedes einzelnen Teils und den Transport nach Göttingen
[bis
hin zur] sorgfältigen und originalgetreuen Rekonstruktion und Ausstattung
des Gebäudes", so Revzin.
Im November 2008, 70 Jahre nach der Zerstörung der großen
Göttinger Synagoge und 12 Jahre nach Gründung des Fördervereins,
wurde dieses kleine Juwel einer Synagoge schließlich mit seinen
Original-Wand- und Deckenbemalungen zum zweiten Mal eingeweiht. "Nach
einer langen Reise sind wir endlich angekommen", so Stammer, die
an der Einweihung teilnahm. "Es war wunderbar."
Das Projekt wurde
auch international wahrgenommen. Stammer ist "eine der Hauptpersonen
in der Geschichte der Wiedererstehung der jüdischen Gemeinde in
Göttingen", erklärt Leonard Wien, ein Geschäftsmann
aus Florida, der im Jahr 2009 davon hörte. "Ich war so beeindruckt,
dass ich mich gerne bereit erklärte, die Göttinger Torahrollen
restaurieren zu lassen." Und Harald Jüttner plant die Veröffentlichung
eines Buches mit den Predigten des letzten Rabbis vor dem Krieg, Hermann
Ostfeld (Zvi Hermon). Sie wurden vom Sohn des Rabbis an das Stadtarchiv
gestiftet.
Brigitta Stammer
hat noch weitere Pläne: So engagiert sie sich derzeit für
die Fertigstellung eines jüdischen Gemeindezentrums in einem ehemaligen
Gebäude der Evangelischen Kirche. Der Förderverein hat das
im 17. Jahrhundert errichtete Haus gekauft und renoviert, als "Ort,
an dem man gemeinsam Feiertage begeht, Seder gibt oder sich zum Unterricht
trifft", nur wenige Schritte entfernt von der kleinen Synagoge
- einem historischen Gebäude, das wieder seiner ursprünglichen
Bestimmung zugeführt wurde.
"Ich stelle
mir die jüdische Religion nicht gerne in einem Museum vor",
erklärt Revzin und fügt hinzu, dass mancher prophezeit habe,
jüdisches Leben könne niemals nach Deutschland zurückkehren.
"Zum Glück hat sich diese Prophezeiung nicht erfüllt
- und Brigitta Stammer hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet."
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