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SIBYLLE
TIEDEMANN
Berlin
Vorgeschlagen von George Arnstein, Washington, DC, USA; Ann Dorzback,
Louisville, KY, USA; Karen Frank Scotese, Evanston, IL, USA; Lore Stein-Bogo,
Palm Desert, CA, USA
Sibylle Tiedemann ist um die ganze Welt gereist, um die letzten noch
lebenden Juden aus ihrer Heimatstadt Ulm zu finden. Sie hat ihre Geschichten
im Film festgehalten und damit Erinnerungen an das jüdische Leben
vor dem Krieg erhalten, die sonst womöglich verloren gewesen wären.
Die heute 59-jährige
Tiedemann hat im Laufe der Jahre mehrere Dokumentarfilme über das
jüdische Leben in ihrer Region gedreht und dabei auch bleibende
Beziehungen zu jüdischen Familien in aller Welt aufgebaut, deren
Wurzeln in Ulm liegen. Die preisgekrönten Filme wurden im In- und
Ausland in Schulen und Museen gezeigt. Ihre Inspiration zieht Tiedemann
aus dem Bedürfnis sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen
und die Lehren für die Zukunft zu vermitteln: "Es ist wichtig
diese Biographien für die nächste Generation zu bewahren",
erklärt sie.
Auslöser für
ihr Lebenswerk war eine Kinderfreundschaft mit einem jüdischen
Jungen, dessen Eltern sich nach dem Krieg in einem bayrischen Lager
für Displaced Persons kennen gelernt hatten. "Durch ihn erfuhr
ich viel über die jüdische Religion und das jüdische
Familienleben", so Tiedemann. Und sie fragte sich, wie wohl die
Juden in Ulm vor dem Krieg gelebt hatten.
Eine zufällige
Begegnung mit älteren Ulmer Bürgern führte Tiedemann
schließlich auf eine Entdeckungsreise. Es begann mit einem Ehemaligentreffen
der Mädchenschule, die ihre Mutter besucht hatte. Als Tiedemann
die Klassenkameradinnen ihrer Mutter - damals alle in den 70ern - fragte,
was aus ihren jüdischen Freundinnen geworden war, musste sie feststellen,
dass sie darauf nicht antworten konnten oder wollten.
Tiedemann, die inzwischen
ein Filmstudium absolviert hatte, beschloss selbst nach den ehemaligen
Klassenkameradinnen zu suchen. Schließlich fand sie mehrere Frauen
in Israel, Kalifornien, Texas, Chicago, Kentucky, New York und Kanada
und besuchte sie. Ihr erster Film, die preisgekrönte Dokumentation
"Kinderland ist abgebrannt" von 1997, zeigt Interviews mit
vier jüdischen und acht nichtjüdischen Frauen.
Darin erinnern sich
die jüdischen Frauen vor allem an die schmerzliche Erfahrung, plötzlich
ausgeschlossen zu sein und von ihren Freundinnen abgelehnt zu werden.
Bei den nichtjüdischen Frauen klingt dagegen manchmal fast Wehmut
durch, wenn sie das überwältigende Gefühl des Stolzes
beschreiben, den sie als Mitglieder des Bundes Deutscher Mädel
empfunden hatten - komplett mit Uniformen, Paraden, Liedern, Gruppenreisen,
Arbeitseinsätzen und Sportveranstaltungen. "Ihre Standpunkte
hätten kaum gegensätzlicher sein können, aber ich führte
sie zusammen
und brachte sie dazu miteinander zu reden",
erklärt Tiedemann. "Wir haben viel gelernt, und die Wirkung
ging weit über den Film hinaus."
Ehemalige jüdische
Mitbürger fanden wieder den Kontakt zu Nichtjuden in Ulm, und man
knüpfte an Freundschaften an, die heute auch in die zweite Generation
hineinreichen. Zur Erstaufführung des Films kamen mehr als 300
geladene Gäste, darunter 175 ehemalige jüdische Mitbürger
aus Ulm sowie Verwandte von Sophie und Hans Scholl, den Widerstandskämpfern
der Weißen Rose, die 1943 als Volksverräter hingerichtet
wurden.
In einem weiteren
Film, "Hainsfarth hatte einen Rabbi: Jüdische Spuren im Nördlinger
Ries" (2001), zeichnet Tiedemann in Interviews mit älteren
Einwohnern ein Porträt der örtlichen jüdischen Gemeinde.
Tiedemann ist dem
Thema treu geblieben. In ihrem neuesten Film "Briefe aus Chicago"
dokumentiert sie das Leben der aus Ulm stammenden Lore Frank (geb. Hirsch),
die dort die Mädchenschule besucht hatte, und ihres inzwischen
verstorbenen Ehemanns Gustav David Frank, der als passionierter Hobbyfotograf
zahlreiche Fotos hinterließ. Der Film zeigt die Bedeutung der
Erinnerung und was es heißt, im Exil alt zu werden.
Für die Filmpremiere
in Ulm organisierte Tiedemann eine Ausstellung mit Fotos von Gustav
David Frank. Sie "durchforstete mit großer Leidenschaft tagelang
Tausende von Fotos und Negativen, die mein Vater hinterlassen hatte",
erzählt Karen Frank Scotese aus Evanston, Ill., USA. "Und
sie besuchte meine Mutter jeden Tag. Es hat mir nur Leid getan, dass
mein Vater die Ausstellung nicht mehr erleben durfte."
Die Sammlung umfasst
neben Fotos, die Frank als Teenager in Ulm machte, auch Aufnahmen aus
dem Jahr 1945. Damals kehrte er als US-Soldat in seine Heimatstadt zurück.
"Er kam auch nach Ulm, um seine Eltern zu suchen - sie waren jedoch
deportiert und ermordet worden", so Tiedemann. Seine Stadt lag
in Trümmern. "Sie war zu 80 Prozent durch Bomben zerstört.
Trotz allem verlor er nie die Liebe zu seinem Heimatland." Vor
kurzem half Tiedemann dabei Franks Archiv im New Yorker Leo Baeck Institut
zur Erforschung der Geschichte der deutschen Juden unterzubringen.
Durch ihre Filme
und ihre Arbeit zur Zusammenführung von Juden und Nichtjuden mehrerer
Generationen hat Tiedemann nicht nur wichtige Lehren aus der Geschichte
vermittelt, sondern vor allem zur Heilung und Versöhnung beigetragen.
"Mit großem Geschick und Taktgefühl [hat] Sibylle gezeigt,
dass es wichtig ist, der heutigen Jugend ,Gut und Böse' begreiflich
zu machen", erklärt Ann Dorzback, die für den ersten
Film interviewt wurde und Sibylle Tiedemann für den Preis nominiert
hat.
Tiedemann, die derzeit
einen Dokumentarfilm zu den Displaced Persons Camps nach dem Krieg plant,
erklärt: "Es blieb der Nachkriegsgeneration überlassen
Filme zu machen und Bücher und Artikel zu schreiben", im Rückblick
auf die Vergangenheit. "Das Thema der Erinnerung lässt mich
nicht los: Wenn die Erinnerung Einzelner verloren geht, ist auch die
kollektive Erinnerung verloren."
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