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ILSE
VOGEL
Üchtelhausen, Bayern
Vorgeschlagen von Claudine Hermann, Massy, Frankreich; Eliane Roos Schuhl,
Paris, Frankreich; Joe Dispecker, Los Angeles, CA; Joel Dorkham Dispecker,
Kibbutz Palmach Tsuba, Israel; Don Diespecker, Bellingen, Australia;
Jill Alexander Fraser, Vancouver, BC, Canada; Louise Goodchaux, Canyon
Country, CA; und Ernest Kolman, Middlesex, England
Mit einem fröhlichen
Fest in Diespeck im Jahr 2003 zeigte Ilse Vogel, welche lebendige Vielfalt
in dem fränkischen Dorf einst aus einer Wurzel erwuchs. Diespecker
und Nachkommen früherer Dorfbewohner feierten zusammen mit Klezmer
musik und koscherem Essen, erfuhren in Vorträgen und Führungen
von der jüdischen Geschichte des Ortes. Einwohner, die zum ersten
Mal von der früheren Synagoge des Ortes hörten, trafen Menschen
von verschiedenen Kontinenten, die zum Teil gar nicht wussten, dass
ihre Vorfahren Juden waren. Ich will die Wurzeln wieder wässern,
sagt die 65-Jährige, die das Fest maßgeblich mitgestaltet
hat.
Mehr als zehn Jahre
hat Ilse Vogel die jüdische Vergangenheit Diespecks erforscht.
Mit ihrer Kamera dokumentierte sie die Grabsteine des Judensäckers,
des jüdischen Friedhofs und recherchierte zu den Beerdigten. Sie
lernte sogar Hebräisch, um die Inschriften übersetzen zu können.
Sie hält Vorträge, macht Führungen und organisierte Ausstellungen.
Am Volkstrauertag veranstaltete sie eine Gedenkfeier zu Ehren der im
Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten des Dorfes. Es
war wichtig, dass sie den jüdischen Teil der Ortsgeschichte aufgearbeitet
hat, das war ja vielen nicht mal bekannt, sagt Bürgermeister
Helmut Roch.
Doch Vogel, die
heute bei Schweinfurt in Bayern lebt, hatte ursprünglich nicht
vor, die jüdische
Vergangenheit Diespecks zu erforschen. Zwar lebte sie als Kind mehrere
Jahre im Dorf. Mit Mutter und Schwester hatte sie hier während
des Zweiten Weltkriegs vor den alliierten Bombenangriffen auf Nürnberg
bei den Großeltern Schutz gesucht. Auch schrieb sie als Studentin
eine Arbeit über die Diespecker Dorfgeschichte. Doch obwohl sie
bei der Recherche auf sehr viel Material zu Juden stieß, beschäftigte
sie sich nicht weiter mit dem Thema. Ich hatte das Gefühl,
ich trage die Schuld aller Deutschen auf meinen Schultern, das hielt
mich ab, erklärt sie rückblickend. Ich bin zu
dem Thema nicht aus Eigeninitiative gekommen, ich musste geschubst,
gestoßen und getrieben werden.
Ihr Glaube gab einen
wichtigen Anstoß. Seit 25 Jahren ist sie in verschieden Funktionen
in der evangelischen Kirche aktiv. Sie war Frauenbeauftragte, leitet
Gesprächskreise und hat die Befähigung, Predigten in Gottesdiensten
zu halten. Seit den späten siebziger Jahren beschäftigte sich
intensiver auch mit anderen Religionen. Wo liegen die Wurzeln
des Christentums?, begann sie sich zu fragen. Dies führte
mich zum Judentum, sagt sie. Als sie dann 1989 vom Heidelberger
Archiv um Information zum Diespecker Friedhof gebeten wurde, gab dies
den letzten Ausschlag für ihre Forschungen.
Heute ist sie eine
Expertin. In ihrem Buch Koscher oder Terefa beschreibt sie
wie Juden und
Christen in Diespeck friedlich zusammenlebten und eine gemeinsame Dorfkultur
schufen. Durch ihre Recherchen fand sie sogar heraus, dass die jüdischen
Häuser im Ort eine typische Architektur aufwiesen. Sie haben
fünf Fenster zur Straße und ein Zwillingsfenster am Dachgiebel,
erklärt sie. Sie stehen für die fünf Bücher
Mose und für die zwei Tafeln mit den zehn Gesetzen. Inzwischen
hat sie auch zu David Diespeck, einem im 18. Jahrhundert bekannten Rabbi
aus dem Dorf, geforscht.
Mit ihrem Wissen
über Familiengeschichten von früheren Diespeckern half sie
vielen Nachfahren bei Recherchen. Claudine Herman aus dem französischen
Massy traf Vogel 1990, als sie nach Informationen zu ihren Vorfahren
suchte. Durch ihre Arbeit wird eine kleine Welt wieder lebendig,
die Namen der Toten werden vor dem Vergessen bewahrt, sagt sie.
Eliane Roos Schuhl aus Paris sagt: Vogels Botschaft an die Menschen
ist klar: Hier lebten einst Juden und sie bereicherten das Leben des
ganzen Dorfes. Lasst uns das nicht vergessen.
Nicht immer wird
dies verstanden. Ihr Projekt, den früheren Judenhof, Keimzelle
jüdischen Lebens im Dorf, in ein Kultur- und Begegnungszentrum
umzuwandeln, konnte sie noch nicht verwirklichen. Aber Vogel ist Widerstände
gewohnt. Ich kann warten, sagt sie. Dennoch trifft sie mit
ihrer Botschaft mehr und mehr auf offene Ohren. Diespeck hat den Judensäcker
für ein EU-Programm vorgeschlagen. Der Ort stellt außerdem
selbst Mittel für eine Ko-Finanzierung, damit der Friedhof Instand
gesetzt und dokumentiert wird. Auch werden Vogels Erkenntnisse über
Grabsteine und Familienbeziehungen digitalisiert und veröffentlicht.
Und inspiriert von Vogel hat im benachbarten Pahres der Besitzer einer
Brauerei angefangen die Geschichte des Familienunternehmens und seiner
Beziehungen zu jüdischen Händlern aufzuarbeiten.
Dieses Jahr wird
es wieder ein Fest geben. Rund 30 Menschen aus aller Welt mit Namen
Diespecker oder Dispecker wollen in das Dorf kommen, dem sie ihren Namen
verdanken. Und es werden wieder neue Triebe aus alten Wurzeln wachsen,
die Ilse Vogel wässert.
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