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CHRISTIANE
WALESCH-SCHNELLER
Breisach am Rhein, Baden-Württemberg
Vorgeschlagen
von Werner L. Frank, Calabasas, CA; Hans-George Hirsch, Bethesda, MD;
Carl N. Steeg, New York, NY; und Elaine Wolff, New York, NY
In Breisach in Baden
steht ein Haus, das bis 1940 ein Zentrum jüdischen Lebens in der
Stadt war. Noch vor wenigen Jahren zum Abriss freigegeben, ist das Blaue
Haus heute erneut ein Ort für Austausch, Forschung, Bildung
und Kultur und inzwischen wieder ein Anlaufpunkt für eine
neue Generation deutscher Juden. Wir wollen die Geschichte wieder
lebendig machen, sagt Christiane Walesch-Schneller, Vorsitzende
des für den Erhalt des Hauses verantwortlichen Vereins, nicht
allein, sondern zusammen mit Juden, die Wurzeln in Breisach haben oder
die an dem Projekt interessiert sind.
Zusammen mit anderen
gründete die 53-jährige in Hannover aufgewachsene Psychoanalytikerin
den Förderverein Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus in
Breisach, um das historische Gebäude zu erhalten. Der Förderverein
erforscht die lokale deutsch-jüdische Geschichte, organisiert Besuchs-
und Austausch-programme und bietet Symposien, Ausstellungen, Vorträge
und Konzerte an. Drei unlängst nach Breisach gezogene jüdische
Familien haben begonnen, ein mal im Monat einen Gottesdienst in dem
Zentrum zu feiern. Es ist ein Versuch, wieder lebendige Beziehungen
aufzubauen, erklärt Walesch-Schneller. So viele Menschen
wie möglich an der Vereinsarbeit und am Dialog zu beteiligen, ist
ihr Ziel. Der Förderverein soll keine Institution sein, zu der
die Beschäftigung mit der Vergangenheit abgeschoben werden kann.
Sie gibt sich nicht damit zufrieden, dass der Bürgermeister am
9. November (dem Jahrestag der Reichspogromnacht) mit einem Kranz kommt,
sie gibt keine Ruhe, bis die Stadt die jüdische Geschichte als
Teil der eigenen Vergangenheit begreift, sagt Günter Boll,
ein Vereinsmitglied und bereits mit dem Deutsch-Jüdischen Geschichtspreis
ausgezeichnet.
Walesch-Schneller
brauchte Zeit, bevor sie aktiv wurde. In der Schule erfuhr sie nichts
über die Nazi-Zeit, in ihrer Familie wurde nicht darüber gesprochen.
Doch die Schulfreundschaft mit der Tochter eines Holocaust-Überlebenden
löste viele Fragen und ein Gefühl der Unruhe aus. Sie verharrte
in rastloser Sprachlosigkeit, bis sie 1998 Josef Kornweitz traf. Der
Psychoanalytiker hatte bereits mit Nachkommen von Holocaust-Opfern gearbeitet
und ermutigte Walesch-Schneller zu einer intensiven Auseinandersetzung
mit der Vergangenheit. Heute ist er Mitglied und Berater des Fördervereins.
Er half mir, die Hemmungschwelle abzubauen, sagt sie. Aus
dem ob wurde ein wie.
Im Juni 1999 erzählte
ihr der früherer Breisacher Ralph Eisemann, dass das Blaue
Haus einst das Jüdische Gemeindezentrum gewesen war. Diese
Information löste einen Energieschub aus, der in raschem Handeln
mündete - fast als ob so die in Sprachlosigkeit verlorene Zeit
wieder aufgeholt werden könnte. Der damalige Hauseigentümer
wollte das Gebäude schon abreißen. Ich fragte den Besitzer,
ob er ein halbes Jahr warten könne, erinnert sich Walesch-Schneller.
In diesen sechs Monaten wurden Mitstreiter angesprochen, Seminare für
sie abgehalten, Geld beschafft und jede Woche eine Veranstaltung organisiert.
Die ganze Zeit blieb jedoch unklar, ob es genug Unterstützung und
Geld geben würde. Acht Breisacher waren es am Anfang, die einen
Förderverein zur Rettung des Blauen Hauses gründen
wollten, im November 1999 gab es bereits 40 Mitstreiter. Sein erstes
Ziel erreichte der Verein im Juli 2000 mit dem Kauf des Hauses. 2003
wurde die Restaurierung abgeschlossen. Inzwischen gibt es 240 Mitglieder
im Verein. Doch die Beschäftigung mit der Vergangenheit und das
Wiederanknüpfen an alte Beziehungen bleibt nicht ohne Konflikte.
Im Jahr 2000 entdeckte Walesch-Schneller, dass ein in Auschwitz gefürchteter
hochrangiger SS-Offizier immer noch ein vom Staat bezahltes Ehrengrab
in der Region hatte. Sie recherchierte den Fall und half ihn zu veröffentlichen.
Um der Sache zu dienen, exponiere sie sich auch, sagt Boll, selbst wenn
das nicht immer für vergnügliche Mienen bei Offiziellen sorge.
Diesen Schwierigkeiten
zum Trotz Christiane Walesch-Schnellers Engagement hat bereits
jetzt mehr geschaffen als nur Kontakte zu Nachfahren früherer jüdischer
Breisacher. Ihre Arbeit hat bei uns, den früheren Mitgliedern
der Jüdischen Gemeinschaft von Breisach und deren Nachkommen, einen
neuen Sinn von Zugehörigkeit und Harmonie geschaffen, sagt
Carl Steeg, dessen Mutter hier lebte. Für Steegs Cousine Elaine
Wolff ist die Wirkung noch etwas persönlicher. Breisach bedeutet
mir inzwischen wirklich viel, sagt sie, nicht nur weil es
im Leben meiner Mutter so wichtig war, sondern auch wegen der Verbindungen,
die ich zu den Freunden meiner Mutter, neu entdeckten Familienmitgliedern
und zu der ständig wachsenden Zahl von Christianes Mitstreitern
aufgebaut habe.
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