|

26 Januar 2007
Gemeinsam gegen das Vergessen
Gestern wurden fünf Menschen für ihre Verdienste
um die deutsch-jüdische Geschichte ausgezeichnet
von Jens Anker
Am Anfang stand für
Lars Menk die Suche nach der Herkunft des eigenen Namens. Neun Jahre später
legte der 45-Jährige ein einzigartiges Lexikon über die Herkunft
von 13 000 deutsch-jüdischen Namen vor. "Das Wichtigste für
mich war, denjenigen, die nicht mehr in Deutschland leben, zu ermöglichen,
ihre Wurzeln zu finden", erklärt Menk den eigenen Antrieb zu
dem beeindruckenden Werk.
Für sein ehrenamtliches
Engagement für die deutsch-jüdische Geschichte erhielt Menk
gestern Abend zusammen mit vier weiteren Preisträgern den "Obermayer
German Jewish History Award". Zum siebten Mal wurde der vom US-amerikanischen
Unternehmer Arthur Obermayer gestiftete Preis verliehen, das sechste Mal
fand die Würdigung, die anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers
Auschwitz am 27. Januar 1945 verliehen wird, im Berliner Abgeordnetenhaus
statt.
Die Jury, darunter
der Vorsitzende der Axel-Springer-Stiftung, Ernst Cramer, zeichnete in
diesem Jahr fünf Preisträger aus den verschiedensten Gebieten
aus. "Jedes Jahr denke ich aufs Neue, dass es dieses Mal die interessantesten
sind", sagte Arthur Obermayer gestern im Abgeordnetenhaus. Zwei der
Ausgezeichneten stammen aus Berlin. Neben Lars Menk, der hauptberuflich
als Briefträger arbeitet, erhielt auch Inge Franken den renommierten
Preis. Sie engagiert sich seit 1996 in einer Dialoggruppe, in der sich
Kinder von Holocaust-Überlebenden mit Nachfahren von Nazis treffen.
"Ich komme von der Naziseite", sagt Franken. "Man trägt
an einer schweren Last, die sehr viel leichter wird, wenn man sagen kann:
Ja, meine Eltern gehörten zu den Tätern." Seit ihrer Pensionierung
vor 15 Jahren hilft die Lehrerin Menschen, über ihre eigene Vergangenheit
zu sprechen. "Wenn wir gemeinsam weinen können, können
wir auch gemeinsam lachen."
Gemeinsam besuchen
die Mitglieder der Gesprächsrunde Schulen und wollen die Schüler
anregen, sich für ihre Herkunft zu interessieren. Bei ihren Schulbesuchen
stößt Franken dabei nicht nur auf Zustimmung, sondern teilweise
auch auf offene Ablehnung, was die engagierte Berlinerin jedoch nicht
abschreckt. Im Gegenteil: "Ich gehe gern zu rechtsgerichteten Schülern,
denn sie brauchen die Auseinandersetzung am meisten", sagt sie. Außerdem
hat Franken ein Buch über das vergessene jüdische Kinderheim
an der Fehrbelliner Straße 92 in Prenzlauer Berg geschrieben. In
dem Gebäude trifft sich die Gesprächsrunde regelmäßig.
Der Obermayer-Award
gilt als einer der renommiertesten Ehrungen für das Bewahren deutsch-jüdischer
Geschichte. Alle Nominierten werden von Juden vorgeschlagen. Die Jury
wählt dann die Preisträger aus. "Jeder von ihnen hat Herausragendes
für die Bewahrung der Geschichte geleistet", sagte der Stifter
Arthur Obermayer anlässlich der Verleihung, die am Abend im Preußischen
Landtag mit einem Festakt begangen wurde.
Neben den beiden Berlinern
Menk und Franken erhielt der gebürtige Italiener Johannes Bruno die
Auszeichnung für seine Arbeiten über die Jüdische Gemeinde
in Speyer, Ernst Schäll aus Laupheim restauriert seit 20 Jahren die
Grabmale auf dem jüdischen Friedhof seines Heimatdorfes, und Wilfried
Weinke ist seit 15 Jahren damit beschäftigt, vergessene jüdische
Geschichte in Hamburg zu entdecken und zu bewahren.
In ihrer Festrede
würdigte die Direktorin des Berliner Büros des American Jewish
Committee, Deidre Berger, die Preisträger und den Stifter. Arthur
Obermayers Auszeichnung zeige, was ein Einzelner für das deutsch-jüdische
Zusammenleben leisten könne. Gerade in Zeiten schwindenden Bewusstseins
der deutsch-jüdischen Geschichte sei das Engagement wichtig, sagte
Berger. Parlamentspräsident und Jurymitglied Walter Momper bezeichnete
es als Ehre, dass der Preis nun zum 6. Mal im Berliner Abgeordnetenhaus
verliehen werde.
© Berliner Morgenpost
2007
|