Frankfurter Allgemeine26 Januar 2010Die Spuren jüdischen LebensWährend der Reformationszeit waren jüdische Händler in vielen kleinen Fürstentümern hochwillkommen. Die adeligen und oft klammen Territorialherren brauchten Steuerzahler, die halfen, ihre Herrschaft zu finanzieren und den fürstlichen Etat für Repräsentationsbauten zu sanieren. So kamen die Juden auch in das kleine Städtchen Haigerloch, südlich von Tübingen, wo vom 16. Jahrhundert an die Häuser Hohenzollern-Haigerloch und Hohenzollern-Sigmaringen herrschten. In Haigerloch bauten die jüdischen Familien einen eigenen Stadtteil, mit Wohnhäusern, einem rituellen Bad und einem Schulhaus. 1783 begann man mit dem Bau einer Synagoge. Das Zusammenleben von Christen und Juden gedieh gut, im "Gasthaus Rose" wurde koscher gekocht, und am Stammtisch saßen die Honoratioren. Die Nationalsozialisten zerstörten dieses friedliche Miteinander von Juden und Christen. In Haigerloch wählten 1933 vierzig Prozent der Einwohner die NSDAP. Während der Reichspogromnacht 1938 versuchten SA-Männer aus Sulz, die Synagoge zu zerstören. Von den 190 jüdischen Bürgern, die 1933 in Haigerloch lebten, kehrten nach Kriegsende elf zurück, die ihre alte Heimat aber schnell verließen. Die Synagoge diente als Kino, Supermarkt, Turnhalle und Stofflager. Für den heute 66 Jahre alten Rechtsanwalt war das ein unhaltbarer Zustand. Seit 1988 kämpft er mit einem "Gesprächskreis ehemalige jüdische Synagoge" für den Erhalt jüdischer Kultur. Der Verein sammelte für den Kauf und die Sanierung der Synagoge 300 000 Euro Spenden. "In den neunziger Jahren war das Interesse an unserer Arbeit zunächst gering", sagt Klaus Schubert, Vorsitzender des Vereins. Die Beharrlichkeit der Hobbyhistoriker hat sich gelohnt: Seit 2004 gibt es eine vom Stuttgarter "Haus der Geschichte" zusammengestellte Ausstellung in der nun sanierten Synagoge. Sie zeigt die Spuren jüdischen Lebens. Und an diesem Montag ehrte die amerikanische Obermayer-Stiftung Gabeli in Berlin mit dem "German Jewish History Award". RÜDIGER SOLDT |