Des Urgroßvaters Kindheit fühlen

HEUBACH Eine Frau aus Las Vegas besucht Heubach, den Heimatort ihres Vorfahren Bernhard Adler.


Gemeinsamer Blick auf Bernhard Adler: Ann Randall Krakauer-Kelley (links) und Johanna Rau vom Förderverein Landsynagoge betrachten Zeitungsausschnitte und Fotos, die an die Heubacher Juden erinnern. Fotos: Hartmut Zimmermann

Ann Randall Krakauer Kelley legt behutsam ihre Hand auf die Türklinke und drückt sie sachte herunter. Sie öffnet die Holztür und lässt sie ein paar Mal in den Angeln hin und her schwingen. „Vielleicht sind meine Ur-Urgroßeltern früher des öfteren durch diese Tür gegangen, um sich zu entschuldigen, wenn ihr Sohn was angestellt hatte“, sagt sie, und in ihr Lächeln mischt sich ein wehmütiger Zug.

Die Türe, die sie öffnet, führt in die einstige Lehrer-Wohnung der Heubacher Synagoge und Schule. Und der vielleicht unartig gewesene Sohn, das wird sie später ins Gästebuch schreiben, ist ihr Urgroßvater, Bernhard Adler. Er, Jahrgang 1866, war ein Heubacher – bis zu seinem 15 Lebensjahr. Und er ging er in

den Räumen über der Lehrerwohnung zur Schule und am Sabbat mit seinen Eltern zum Gebet in die Synagoge, die sich in der benachbarten Haushälfte befand.

„Ich suche sichtbaren Spuren“

Ann R. Kelley, die heute in Las Vegas wohnt, hätte sich wohl nie aufgemacht, um nach den Spuren ihres jüdisch-deutschen Vorfahren zu suchen, wenn sie nicht irgendwann vor drei Jahren einen Brief aus Oberkalbach bekommen hätte. Geschrieben hatte ihn Johanna Rau. Die Pfarrerin, die damals schon mit vielen anderen intensiv für die Bewahrung und Renovierung der ehemaligen Heubacher Landsynagoge eintrat, forschte nicht nur nach der Geschichte des vom Verfall bedrohten Bauwerks. Ihr Interesse galt besonders den Menschen, die damals, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Synagogengemeinde im Grenzland zwischen Fuldaer Land und Kinzigtal angehört hatten. Denn noch bevor die nationalsozialistische Verfolgung das brutale Aus für die jüdischen Gemeinden in Deutschland einleitete, hatten die Heubacher Juden ihr Dorf verlassen, um nach Fulda, Frankfurt oder Schlüchtern zu ziehen.

Bernhard Adler war einer, der früh ging: Schon als 14-Jähriger wanderte er aus – von Kalbach nach Kansas City. Das war im Jahr 1880. Und Bernhard hinterließ Spuren in der aufstrebenen Stadt am Missouri. Nach einer Zeit als Vertreter in der Branche gründete er sein eigenes Putzmacher-Geschäft, das in weitem Umkreis bald die erste Adresse ist, wenn es um die Hüte der Damenwelt geht.

1892 wird der Mann aus Heubach amerikanischer Staatsbürger. Seine Tochter Berenice heiratet einen Mann namens Krakauer, mit dem sie den Sohn Kenneth Krakauer hat. Der wiederum ist der Vater von Ann Randall Krakauer-Kelley.

Kontakt zu Johanna Rau

Dass Johanna Rau – nachforschend über die Öffentliche Bücherei in Kansas City – die Anschrift von Ann Kelley bekommt, hat Folgen. Denn die Frau in Las Vegas hatte gerade begonnen, sich ein wenig mehr um die Familiengeschichte zu kümmern. So nimmt sie den Kontakt zu Johanna Rau auf, was dieser neue Erkenntnisse über den Lebensweg des Ausgewanderten beschert. Dass der Kontakt nach Las Vegas noch ganz andere Folgen haben würde, kann da noch niemand ahnen.

Bei Ann Krakauer-Kelley traf irgendwann eine weitere Verwandtschaftsanfrage ein – diesmal aus London. Jemand vermutete, über die Familie Krakauer mit ihr verwandt zu sein. Nach allerhand Briefwechseln stellte sich heraus, dass es hier nur eine Namensgleichheit, aber keine Verwandtschaft gibt. Aber über diesen Kontakt wird Ann Kelley auf die Arthur-Obermayer-Stiftung aufmerksam.

Diese wurde von ihrem Namensgeber, einem aus dem Tauberstädtchen Creglingen stammenden Juden, ins Leben gerufen und hat sich zum Ziel gesetzt, Deutsche nicht-jüdischer Herkunft auszuzeichnen, die sich in außerordentlicher Weise um die Pflege jüdischer Lebenszeugnisse und jüdischen Kulturguts verdient gemacht haben.

Stammbaum im Laptop

„Das traf alles auf das zu, was Johanna Rau gemacht hat“, sagt die Frau aus Nevada und lässt Raus Einwand nicht gelten. Die beiden sitzen nebeneinander am abgeräumten Frühstückstisch im Heubacher Gasthof Jäger. Dort haben Ann Kelley und ihr Mann Mike Quartier gefunden, nachdem sie in Berlin dabei gewesen waren, als Rau auf ihren Vorschlag hin den Obermayer Award bekommen hatte. Gemeinsam schauen Rau und Kelley auf den Bildschirm eines Laptops, auf dem der Stammbaum der Familie Adler auftaucht und fachsimpeln über die Verästelungen der Verwandtschaftsbeziehungen. Das dient nicht zuletzt dazu, den geplanten Besuch am jüdischen Friedhof in Altengronau vorzubereiten, der auch für die Heubacher Juden als Begräbnisstätte diente.

Zuvor aber steht mit dem Besuch des renovierten Heubacher Schul- und Synagogengebäudes für die Kelleys ein Höhepunkt ihrer Deutschlandreise auf dem Programm. „Ich suche überall nach sichtbaren Verbindungen zum Leben meiner Vorfahren hier“, sagt Kelley beim Gang durch das behutsam restaurierte Haus, in dem noch so vieles aus den 1860er Jahren bewahrt ist. Und das erklärt, warum sie so behutsam, beinahe andächtig jene Tür öffnet, die ein Teil der Kindheit ihres Urgroßvaters ist.

Von Hartmut Zimmermann


Veröffentlicht am 18.02.2008 00:10 Uhr  
Zuletzt aktualisiert am 17.02.2008 19:53 Uhr