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Deutsch-jüdischer
Geschichtspreis
Obermayer-Stiftung ehrt Schwälmerin
Bedeutende international
Auszeichnung: der "German Jewish History Award" der Obermayer
Foundation (USA)
Die US-amerikanische Obermayer-Stiftung ehrt
die pensionierte Lehrerin Barbara Greve mit dem Deutsch-Jüdischen
Geschichtspreis. Greve erforscht seit 20 Jahren die Geschichte
der Juden in der Schwalm.
Unzählige Stunden hat Barbara
Greve in den vergangenen 20 Jahren in Archiven gestöbert. Sie
hat Geburts- und Sterberegister gewälzt, nach Fotos und Familiengeschichten
gesucht. Denn was heute fast vergessen ist: 400 Jahre lebten Juden
und Christen in der Schwalm Tür an Tür - auch wenn man sich dabei
oft fremd blieb: "Sie hatten ihren Sabbat, gingen am Sabbat naturgemäß
spazieren, das war etwas, was die arbeitende, christliche Bevölkerung
nicht so ganz verstand (...)", erzählt Barbara Greve. Wer waren
die Juden in der Schwalm? Wie lebten sie dort? Und wo sind sie
geblieben? Fragen, die Barbara Greve zu beantworten versucht.
Eine steile Treppe führt zu ihrem Arbeitszimmer in einem alten
Bauernhaus in Lischeid. "Ich habe hier einen Aktenwagen", erklärt
Barabara Greve, "wo die einzelnen Ortschaften und zum Teil noch
die einzelnen Familien eingeordnet sind." Aus einem der Ordner
zieht Barbara Greve mehrere Fotos hervor, zu jedem kennt sie eine
Geschichte.
Legenden ausräumen
Und dann hält Barbara Greve
ein vergilbtes Stück Papier in der Hand, krakelige Kinderschrift.
Bettina Wallach, ein jüdisches Mädchen aus Oberaula, schreibt
1939 an ihre Freundin Senta, die nach New York ausgewandert ist.
Barbara Greve: "Sie schreibt 'Es ist furchtbar langweilig hier,
voriges Jahr, als du noch hier warst, war es doch schöner.' Wenn
man überlegt, dass dieses Mädchen mit 16 Jahren deportiert und
umgehend ermordet wurde zusammen mit ihrer fünfjährigen kleinen
Schwester, ist dieses Dokument eigentlich das wichtigste, das
ich habe."
Barbara Greve will mit ihren Recherchen auch manche Legenden ausräumen.
In vielen Dörfern erzählt man sich auch heute noch, nur wenige
Juden seien deportiert worden. "Diese Menschen waren schon 1939
verpflichtet worden, nach Frankfurt zu ziehen", klärt Greve auf,
"so dass die Dörfer - wie es damals hieß - 'judenrein' waren und
die Bürgermeister sich in Zeitungsanzeigen damit brüsteten. Das
heißt, es existierte eigentlich auch nur sehr begrenzt ein Unrechtsbewusstsein,
denn wer auch Frankfurt deportiert wurde, der gehörte nicht mehr
zum Dorf (...)."
"Eventuell ein Schock"
Barbara Greve spürt Nachfahren
der Juden in der ganzen Welt auf. In Israel zum Beispiel fand
sie einen älteren Herren, der in Neukirchen aufwuchs - ihm konnte
sie den Todesort seiner Eltern mitteilen: "Wenn man jahrzehntelang
glaubt, dass die Eltern in Riga umgekommen sind und erfahren muss,
dass sie in Sobibor vergast wurden, dann ist das eventuell ein
Schock. Aber ich denke, es ist auch eine Form von Wissen, von
Sicherheit und ich habe diesem Mann auch die letzten Unterlagen
aus dem Staatsarchiv kopieren können, die sein Vater geschrieben
hat. Das letzte Dokument sozusagen, was er in seinem Leben unterschrieben
hat (...)."
Für Barbara Greve ist der deutsch-jüdische Geschichtspreis ein
großer Ansporn, weiterzumachen, die Geschichte der Juden im Schwalm-Eder-Kreis
noch weiter zu erforschen: "Beinahe bis in die 90er Jahre hinein
ist in den Dorfchroniken maximal eine halbe Seite auf jüdische
Geschichte verwandt worden", sagt sie. "Da sie zum Teil bis zu
zehn Prozent der Einwohner ausmachten, steht ihnen eigentlich
auch zu, mehr in die deutsche Geschichte eingebunden zu sein.
Das möchte ich: die Menschen ins Bewusstsein zurückrufen."
Ein (gekürzter) Bericht von Julia Schneider in hr2-kultur.
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