hr-online Informationen aus Hessen
 
25.01.2010

Deutsch-jüdischer Geschichtspreis
Obermayer-Stiftung ehrt Schwälmerin

Mann hält Urkunde in der Hand (Bild: obermayer.us)
Bedeutende international Auszeichnung: der "German Jewish History Award" der Obermayer Foundation (USA)
Die US-amerikanische Obermayer-Stiftung ehrt die pensionierte Lehrerin Barbara Greve mit dem Deutsch-Jüdischen Geschichtspreis. Greve erforscht seit 20 Jahren die Geschichte der Juden in der Schwalm.
 

Unzählige Stunden hat Barbara Greve in den vergangenen 20 Jahren in Archiven gestöbert. Sie hat Geburts- und Sterberegister gewälzt, nach Fotos und Familiengeschichten gesucht. Denn was heute fast vergessen ist: 400 Jahre lebten Juden und Christen in der Schwalm Tür an Tür - auch wenn man sich dabei oft fremd blieb: "Sie hatten ihren Sabbat, gingen am Sabbat naturgemäß spazieren, das war etwas, was die arbeitende, christliche Bevölkerung nicht so ganz verstand (...)", erzählt Barbara Greve. Wer waren die Juden in der Schwalm? Wie lebten sie dort? Und wo sind sie geblieben? Fragen, die Barbara Greve zu beantworten versucht.

Eine steile Treppe führt zu ihrem Arbeitszimmer in einem alten Bauernhaus in Lischeid. "Ich habe hier einen Aktenwagen", erklärt Barabara Greve, "wo die einzelnen Ortschaften und zum Teil noch die einzelnen Familien eingeordnet sind." Aus einem der Ordner zieht Barbara Greve mehrere Fotos hervor, zu jedem kennt sie eine Geschichte.
 

Legenden ausräumen

Und dann hält Barbara Greve ein vergilbtes Stück Papier in der Hand, krakelige Kinderschrift. Bettina Wallach, ein jüdisches Mädchen aus Oberaula, schreibt 1939 an ihre Freundin Senta, die nach New York ausgewandert ist. Barbara Greve: "Sie schreibt 'Es ist furchtbar langweilig hier, voriges Jahr, als du noch hier warst, war es doch schöner.' Wenn man überlegt, dass dieses Mädchen mit 16 Jahren deportiert und umgehend ermordet wurde zusammen mit ihrer fünfjährigen kleinen Schwester, ist dieses Dokument eigentlich das wichtigste, das ich habe."

Barbara Greve will mit ihren Recherchen auch manche Legenden ausräumen. In vielen Dörfern erzählt man sich auch heute noch, nur wenige Juden seien deportiert worden. "Diese Menschen waren schon 1939 verpflichtet worden, nach Frankfurt zu ziehen", klärt Greve auf, "so dass die Dörfer - wie es damals hieß - 'judenrein' waren und die Bürgermeister sich in Zeitungsanzeigen damit brüsteten. Das heißt, es existierte eigentlich auch nur sehr begrenzt ein Unrechtsbewusstsein, denn wer auch Frankfurt deportiert wurde, der gehörte nicht mehr zum Dorf (...)."
 

"Eventuell ein Schock"

Barbara Greve spürt Nachfahren der Juden in der ganzen Welt auf. In Israel zum Beispiel fand sie einen älteren Herren, der in Neukirchen aufwuchs - ihm konnte sie den Todesort seiner Eltern mitteilen: "Wenn man jahrzehntelang glaubt, dass die Eltern in Riga umgekommen sind und erfahren muss, dass sie in Sobibor vergast wurden, dann ist das eventuell ein Schock. Aber ich denke, es ist auch eine Form von Wissen, von Sicherheit und ich habe diesem Mann auch die letzten Unterlagen aus dem Staatsarchiv kopieren können, die sein Vater geschrieben hat. Das letzte Dokument sozusagen, was er in seinem Leben unterschrieben hat (...)."

Für Barbara Greve ist der deutsch-jüdische Geschichtspreis ein großer Ansporn, weiterzumachen, die Geschichte der Juden im Schwalm-Eder-Kreis noch weiter zu erforschen: "Beinahe bis in die 90er Jahre hinein ist in den Dorfchroniken maximal eine halbe Seite auf jüdische Geschichte verwandt worden", sagt sie. "Da sie zum Teil bis zu zehn Prozent der Einwohner ausmachten, steht ihnen eigentlich auch zu, mehr in die deutsche Geschichte eingebunden zu sein. Das möchte ich: die Menschen ins Bewusstsein zurückrufen."

Ein (gekürzter) Bericht von Julia Schneider in hr2-kultur.
 
hr-online enthält Links zu anderen Internetangeboten. Wir übernehmen keine Verantwortung für Inhalte fremder Webseiten.