Idsteiner Zeituns
Bild brennender Synagogen
hat sich ins Gedächtnis eingeprägt
Gerhard Buck dokumentiert mit seiner Forschung jüdische
Vergangenheit
Vom
09.02.2008
IDSTEIN-WALSDORF
"Es sind", sagt Gerhard Buck, "Bilder, die sich in mein
Gedächtnis eingebrannt haben." Als kleiner Junge sah er mit
eigenen Augen, wie in seiner früheren Heimat an der holländischen
Grenze Flammen aus den Synagogen schlugen. Es sind erste Kindheitserinnerungen,
die ihn bis heute nicht loslassen und mit dazu beitragen, dass er seit
einem Vierteljahrhundert in Büchern und Schriften die jüdische
Vergangenheit festhält und für die Zukunft bewahren hilft.
Von Martin Kolbus
Vor wenigen Tagen erst ist Gerhard Buck aus Berlin zurückgekehrt,
wo ihm und fünf anderen Preisträgern der renommierte "German
Jewish History Award" verliehen wurde (die IZ berichtete). Es ist
kein Zufall, dass die amerikanische Obermayer-Foundation Berlin als Ort
der Preisverleihung gewählt hat. "Es ist die Stadt, von der
aus die Verbrechen der Nationalsozialisten ihren Ausgang genommen haben",
so Walter Momper, Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, in seiner
Ansprache zur Preisverleihung. Wenn Gerhard Buck zu Hause am Schreibtisch,
im Staatsarchiv, in Kirchenarchiven oder im Internet in jüdischer
Familiengeschichte forscht, dann richten sich seine Recherchen aber nicht
auf große Städte wie Berlin oder Frankfurt, sondern auf die
rund 220 Gemeinden im früheren Herzogtum Nassau.
"Bucks Arbeit
bewahrt die Vergangenheit der Juden in dieser Region, hilft den Opfern
des Holocaust und ihren Kindern bei der Suche nach Angehörigen und
erhält in Form von Bildern, Texten und Inschriften die historischen
Belege einer verloren gegangenen Lebensweise", beschreibt Abraham
Frank (Jerusalem), der zusammen mit Marjorie Holden und John Lowens (beide
USA) den Walsdorfer als Empfänger des Preises vorgeschlagen hatte,
die Zielrichtung der mit Akribie und Präzision betriebenen genealogischen
Arbeit. "Bei den Nachforschungen finde ich mehr als nur Namen - ich
finde Leben", bekräftigt Buck.
Schon in den siebziger
Jahren hatte sich der Pädagoge in die Geschichtsforschung eingearbeitet
- zunächst allerdings begrenzt auf die Orte um Walsdorf. Zum 50.
Jahrestag der Reichspogromnacht veröffentlicht er das Buch "Die
jüdischen Idsteiner 1648 - 1806" und dokumentiert, Jahre später,
auch in den Steinfischbacher Geschichtsheften das Leben der hier einst
beheimateten jüdischen Bevölkerung. Immer wieder wird er gerufen,
wenn in Idstein jüdische Besucher Unterstützung erbitten, um
Spuren ihrer Eltern, Großeltern oder Anverwandten zu finden.
Schlüsselerlebnis
Eine von ihnen ist
Marga Marx, geborene Löwenstein, die 1998, genau 61 Jahre nach der
Flucht aus Deutschland, in ihre Heimatstadt Idstein zurückkehrt.
Gerhard Buck führte sie und ihre mitreisenden Angehörigen zu
jüdischen Friedhöfen und kann ihnen über die Wurzeln der
Familie berichten. "Sie war danach wie verwandelt", schildern
die Angehörigen damals eindrucksvoll, wie die neuen Erfahrungen und
Eindrücke die 70-jährige Marga Marx verwandelt haben. Buck:
"Das war so etwas wie ein Schlüsselerlebnis für mich und
ich wusste, dass es sich lohnt, auf diesem Gebiet weiter zu arbeiten."
Der Walsdorfer, bis zur Pensionierung Oberstudienrat am Pestalozzigymnasium
Idstein, setzte seinen Gedanken in die Tat um. "Es ging lawinenartig
weiter", erinnert er sich. Mehrere umfangreiche Biografien jüdischer
Familien entstanden, dabei dehnte Buck, den Schicksalsfäden der jüdischen
Familien folgend, seine Forschung auf das gesamte Nassauer Land aus.
International stark beachtet wird seine Arbeit "Genealogical Research
for German Landjuden in Nassau" (2005-2006), wie all die anderen
wichtigen Schriften in englischer Sprache verfasst, so dass Juden in allen
Teilen der Welt die Forschungsergebnisse teilen können. Einladungen
nach Kalifornien, New York oder Salt Lake City, wo er einen Vortrag hält,
bringen neue Kontakte und Anstöße für weitere Veröffentlichungen.
Den nachhaltigsten
Eindruck hinterlassen bei Gerhard Buck aber die persönlichen Begegnungen
und Erlebnisse, wie vor etwa fünf Jahren, als jüdische Geschwister,
die in Südafrika und in Israel leben, im Idsteiner Land nach Spuren
ihres Vaters suchten. Der hatte einst in Steinfischbach gelebt, wurde
aber mit Beginn des Dritten Reiches eingesperrt und verließ später
das Land. Seinen Kindern hatte er nie viel aus dieser Zeit erzählt
- und so war es für beide ein großer Moment, mit Hilfe von
Gerhard Buck das Elternhaus wiederzufinden, von den nachfolgenden Bewohnern
aufgehobene Familien-Erinnerungsstücke als Geschenk entgegenzunehmen
und an den Gräbern der Vorfahren stehen zu dürfen.
Arbeit an Datenbank
Für Gerhard Buck
ist die Preisverleihung in Berlin kein Anlass, die Hände jetzt in
den Schoß zu legen. Gegenwärtig sammelt er Daten für eine
Übersicht über die jüdische Bevölkerung in allen Gemeinden
des Herzogtums Nassau zwischen 1818 und 1874 - eine Arbeit, die zunächst
einmal unendlich viel Suchen in alten Zivilstandsregistern erfordert.
"Da werde ich bestimmt noch zwei oder drei Jahre dran sitzen",
schätzt Buck.
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