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Die Familien haben Gesichter bekommenVon Petra Hackert Bad Camberg/Idstein. "Stellen Sie sich einmal vor, Sie stehen in New York und erzählen da den Leuten etwas von Bad Camberg, von Eisenbach, von Steinfischbach - und das interessiert die !" Gerhard Bucks Augen leuchten. Er ist fasziniert und gefangen von den Menschen - die er zuerst nur über ihre Geschichte, dann teilweise persönlich kennen gelernt hat. Letztes Jahr war er zum ersten Mal in Jerusalem. "So spät?", haben viele gefragt. Früher war es nicht möglich, doch schon seit gut zehn Jahren beschäftigt er sich mit der Geschichte der jüdischen Familien im heimischen Raum. Der pensionierte Lehrer ist über Umwege dazu gekommen. Schon immer geschichtsinteressiert, hatte er Fragen nach den Bereichen gestellt, die wenig erforscht waren. Statt der hinlänglich bekannten Adelsgeschichten, die wesentlich einfacher nachzuvollziehen sind, da es viel mehr Quellen gibt, begab er sich auf die Spurensuche der "einfachen Leute", der Bauern, der Nicht-Herrschenden, der Menschen in unserer Region. Innerhalb dieses Suchens begegnete ihm auch "die kleine Gruppe der Juden". Und das wiederum wurde zu einem Thema, das ihn nicht losließ. Er forschte intensiv, veröffentlichte und wurde jetzt mit dem "Obermayer German Jewish History Award" ausgezeichnet. Dieser Preis wird jedes Jahr an Personen vergeben, die ehrenamtlich herausragende Beiträge zur Dokumentation und zum Erhalt jüdischer Geschichte und Kultur, des jüdischen Erbes und/oder der Überreste lokaler deutscher Gemeinden geleistet haben. Die Auszeichnung, die im Jahr 2000 ins Leben gerufen wurde, wird seitdem im Abgeordnetenhaus von Berlin, dem Sitz des Berliner Landesparlaments, überreicht. Gerhard Buck war zwei Jahre alt, als in seinem Heimatort Burgsteinfurt in der "Reichskristallnacht" die Synagoge brannte. Seine Eltern hatten ihn dorthin mitgenommen, als Kind hörte er später darüber reden. Diese frühen Erlebnisse haben sich in sein Gedächtnis gebrannt, in seine Träume. Sehr viel später, nach dem Studium, kam er als junger Lehrer nach Wiesbaden, dann nach Idstein. Er ließ sich mit seiner Familie in Walsdorf nieder und half unter anderem, als er zur 1200-Jahr-Feier darum ging, zu forschen und zu schreiben. Die Liste seiner Veröffentlichungen ist lang, die Spurensuche akribisch, denn immer hat er vorrangig nach dem Ausschau gehalten, was andere "außen vor" ließen. Sein Buch "Der Bauer als Bürger" ist 1994 daraus hervorgegangen. Das intensive Quellenstudium half ihm dann auch bei dem Versuch, jüdischen Familien im heimischen Raum Gesicht zu geben. Und Stammbäume. Das war manchmal gar nicht einfach, aber ihm ist es gelungen, viele verwandtschaftliche Beziehungen herzustellen, bis weit ins 17. Jahrhundert hinein. Seine Erkenntnis: "Diese Menschen haben schon immer hier gelebt. Als die Judenverfolgung in der Nazizeit begann, ging es nicht gegen Fremde. Das waren Mitbürger, Nachbarn, Menschen wie du und ich." Und: Er bezweifelt die Aussagen vieler, "von allem nichts gewusst" zu haben. Gerhard Buck verschließt nicht die Augen, er blickt zurück und schöpft daraus Wissen für die Zukunft. Und er räumt gerne mit Legenden auf. Eine davon ist in der Rivalität zwischen Idstein und Bad Camberg begründet. "Ohne Camberg hätten wir den Hutturm nicht" schmunzelt er. Und ohne die Idsteiner gäbe es nicht die Camberger Atzelgeschichte, die immer wieder falsch erzählt wird. Die Atzeln machten Krach im Gebück und weckten die schlafenden Wachen, als die Walsdorfer Raubritter versuchten, die Stadt zu überfallen - heißt es in ganz vielen Texten. "Die Walsdorfer waren Bauern, wo sollten denn da die Ritter herkommen ?", fragt Buck und verweist auf eine Abschrift, in der sogar von "den Rittern von Seligenstadt" die Rede ist. Seine Forschungen haben ergeben, die Ritter kamen von Idstein, und das macht wiederum Sinn. Heute ist der Walsdorfer
sozusagen "städteverbindend" tätig, denn es gibt viele
Gemeinsamkeiten, und eine Walsdorfer Kirchengeschichte wäre zum Beispiel
ohne Bad Camberg (Würges) nicht beschreibbar. Ähnlich ist es
ihm mit den Familienforschungen ergangen. Er zieht viele Quellen heran,
vergleicht, untersucht. Die jüdischen Stammbäume, die er zurzeit
erstellt, werden ihn sicher noch zwei, drei Jahre beschäftigen. Herausgekommen
ist schon jetzt eine Freundschaft zu Abraham Frank, der in Jerusalem lebt,
aus Flacht stammt und wegen seiner eigenen Geschichtsforschung und den
Kontakten, die er in unsere Region pflegt, weit bekannt ist. Und die Freundschaft
zu Marjorie Holden, die jetzt in New York lebt und sich für die Geschichte
ihrer Vorfahren im Nassauer Land interessiert. Gerhard Buck wird noch
viel zu forschen und zu berichten haben - mit dem Blick zurück und
nach vorne, denn dann ist Geschichte plötzlich weit mehr "als
reine Genealogie", dann bekommen die "verschwundenen" Familien
plötzlich wieder Gesichter. |