Schwäbische Zeitung

27.01.2007

"Man spürt einen tiefen Sinn für Gerechtigkeit"

LAUPHEIM/BERLIN (ry) Ernst Schäll hat am Donnerstag in Berlin den "Obermayer German Jewish History Award" erhalten. Mit der renommierten Auszeichnung werden Deutsche geehrt, die auf freiwilliger Basis in ihren Heimatorten einen herausragenden Beitrag zur Bewahrung des Gedenkens an die jüdische Vergangenheit geleistet haben.

Aus den Händen des Stifters Dr. Arthur Obermayer, in Boston tätiger Unternehmer mit deutschen Wurzeln und Vorstandsmitglied der Amerikanisch-Jüdischen Gesellschaft, nahm Ernst Schäll die Auszeichnung im Berliner Abgeordnetenhaus entgegen. In der Laudatio wurden besonders sein unermüdlicher Einsatz für die Pflege des jüdischen Friedhofs in Laup-heim und den Erhalt der Grabsteine sowie seine Publikationen zur Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde gewürdigt. Dabei sei es ihm auch immer wieder gelungen, Jüngere für seine Arbeit zu interessieren und sie zur Mitarbeit anzuregen.

Die Erinnerung wachgerufen
"Er brachte den Willen mit, sich an die Geschichte der Laupheimer Juden zu erinnern - und dafür zu sorgen, dass auch seine Mitmenschen sie nicht vergessen", heißt es in einer schriftlichen Würdigung. "Man spürt nicht nur einen tiefen Sinn für Gerechtigkeit, sondern auch ein Gefühl der Verpflichtung, das von Herzen kommt", kommt die gebürtige Ulmerin Ann Dorzback, die heute in Kentucky lebt, darin zu Wort. "Ernst Schäll hat unseren Schmerz gefühlt, unser Leid, unseren Verlust und unsere Verletzungen - und er hat die Bedürfnisse gespürt, die daraus erwachsen, dass wir unsere Vorfahren zurücklassen mussten." Schäll selbst wird mit den Worten zitiert: "Ich habe mein Ziel erreicht. Das Wichtigste ist, das ich mit meiner Arbeit die Erinnerung der Menschen wachgerufen habe."

Zusammen mit Schäll, der ehrenamtlich mehr als 120 Grabsteine in aufwändiger Prozedur restauriert hat und zuletzt mit einem Buch über Leben und Werk des in Auschwitz ermordeten Jugendstilkünstlers Friedrich Adler hervorgetreten ist, erhielten im Ber-liner Abgeordnetenhaus vier weitere Preisträger den Obermayer-Award. Sie alle wurden, so verlangen es die Kriterien, von Juden für die Auszeichnung vorgeschlagen. Für Schäll taten dies unter anderem Ernest Bergmann, Fred Einstein, Ann Dorzback, Hans Hirsch und Sven Treitel, jüdische Exil-Laupheimer oder deren Nachfahren.

Die Begrüßungsansprache am Donnerstag hielt Walter Momper, Präsident des Ab-geord-neten-hauses, und die Festrede Deidre Berger, die das Berliner Büro des American Jewish Committee leitet. Nach der Preisverleihung gab es einen Empfang.

Die Zuhörer sind beeindruckt
Ernst Schäll habe von Laupheim und der ehemaligen jüdischen Gemeinde gesprochen und mit seiner beschei-denen Art und seinen fundierten Kenntnissen die Anwesenden tief beeindruckt, berichtet Lutz Vollmer aus Baltringen, ein guter Freund der Familie, der den bald 80-Jährigen zur Preisverleihung nach Berlin be-gleitet hatte. Zum Rahmenprogramm gehörten eine Stadtrundfahrt, eine Pressekonferenz und ein Essen im Opernhaus. Am Freitagnachmittag sind Schäll und Vollmer wohl-- behalten nach Laupheim zurückgekehrt.

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