|

27.01.2004
Beruf: Arzt, Hobby: Leben
Berliner Geschichtsforscher bekommt den German Jewish Award
Als Klaus-Dieter Ehmke,
den seine Freunde "KD" nennen, vor Jahren begann, dem jüdischen
Leben und Sterben in einem kleinen vorpommerschen Ort nachzuspüren,
ahnte er nicht, dass diese Spurensuche einmal mit einem Preis bedacht
werden sollte. Heute Abend erhält der Berliner Arzt mit vier anderen
Deutschen bei einem Festakt im Plenarsaal des Abgeordnetenhauses den "German
Jewish Award" der Obermayer Foundation. Die in den USA ansässige
Stiftung verleiht den Preis am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung
von Auschwitz im Jahre 1945. Die Ehrung gilt Deutschen, die nicht mosaischen
Glaubens sind und "das Bewusstsein für ehemaliges jüdisches
Leben in ihrer eigenen Gemeinde oder Religion fördern", wie
es in den Kriterien für eine Auszeichnung heißt. In Frage kommen
Menschen, "die freiwillig herausragende Beiträge zur Dokumentation
der jüdischen Geschichte oder Genealogie, des jüdischen Erbes
und der jüdischen Kultur in Deutschland leisten oder geleistet haben".
Auch Klaus-Dieter
Ehmke hat Zeugnisse jüdischen Lebens erforscht, dokumentiert und
für die Nachwelt erhalten. Der 45-jährige Arzt in einer Dialyse-Praxis
am Treptower Park entdeckte vor vielen Jahren in seiner pommerschen Heimat
den Guten Ort von Niederhof bei Stralsund, also den jüdischen Friedhof.
Der lag in einem Wald, "ganz idyllisch, die Steine bemoost, beinahe
mystisch", erinnert sich der Spurensucher, den seine Entdeckung nicht
mehr losließ. Er sprach mit alten Einwohnern, studierte Chroniken
und kam so darauf, dass der Friedhof zu Niederhof der älteste in
Mecklenburg-Vorpommern ist: 1776 wurde hier das erste Grab (für eine
Tochter der Stralsunder Familie Hertz) bereitet, 1857 wurde der Friedhof
zuletzt belegt.
Ehmke entdeckte alte
Grabsteine als Trittstufen, ging den Inschriften nach, steckte ganze Schulklassen
mit seinem Forscherdrang an, fotografierte schließlich die Steine,
rieb die Inschriften ab, stellte sie für die Öffentlichkeit
aus. "Spurensuche" nennt sich die Foto-Ausstellung, die bis
zum 1. März in der Auferstehungskirche in der Friedensstraße
zu sehen ist. Ehmkes nächstes Projekt: die Erforschung der Geschichte
der Juden in seiner Geburtsstadt Anklam. Wenn man den vielseitigen Arzt,
der einst neben Medizin auch Theologie und Germanistik studiert hatte,
nach seinem Hobby fragt, sagt er nur das eine Wort "Leben".
Und, übrigens: Seit Jahren ist KD Ehmke auch für Bilder und
Texte des inzwischen Kult gewordenen Jahreskalenders aus dem Hedwig-Krankenhaus
mitverantwortlich. Lothar Heinke
2002 © Verlag
Der Tagesspiegel GmbH
Back
|