Obermayer-Preis an Regionalhistoriker aus NRW

Forscher gegen das Vergessen

Von Gregor Taxacher
28.01.09
Juden aus aller Welt haben sie als Preisträger vorgeschlagen: Am Holocaust-Gedenktag (27.01.09) wurden zwei Forscher aus Euskirchen und Siegen ausgezeichnet, die gegen das Vergessen in ihrer Heimat arbeiten.

"Das mit den zerstochenen Reifen und den Droh- und Schmähbriefen liegt schon länger zurück", sagt Hans-Dieter Arntz aus Euskirchen. Solche Briefe habe er vor allem in den 1980-er Jahren erhalten, sogar aus Südafrika, geschrieben in fehlerfreiem Deutsch. Aber auch heute macht sich Arntz mit seinen Forschungen zur Judenverfolgung in seiner Heimat nicht nur Freude. Etwa wenn Geschäfte in der Region ein 100-jähriges Jubiläum feiern und Arntz darauf hinweist, dass die Besitzer Juden waren - bis zur sogenannten "Arisierung". "Ich mache daraus keine geschäftsschädigende Kampagne", sagt Arntz, aber man dürfe solche Fakten auch nicht einfach unterschlagen.

Preis aus den USA - Ehrung in Berlin

"Wir müssen über diese Vergangenheit sprechen", sagt auch Klaus Dietermann. Der heute 59-Jährige lehnte vor zehn Jahren das Bundesverdienstkreuz ab. Denn er tue nur, was nötig sei. Jetzt nimmt er jedoch eine Auszeichnung an: Am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, werden Arnzt und Dietermann zusammen mit vier Regionalforscher aus Hessen und Niedersachsen in Berlin mit dem "Obermayer German-Jewish History Award" ausgezeichnet. Die Feier findet im Abgeordnetenhaus in Berlin statt.

Mit dem Preis werden zum neunten Mal Deutsche geehrt, die aus eigener Initiative und ehrenamtlich herausragende Beiträge zur Dokumentation jüdischer Geschichte und Kultur in Deutschland geleistet haben. Der Stifter, Arthur Obermayer, ist ein amerikanischer Unternehmer aus Michigan (USA), dessen Eltern in Augsburg lebten und 1938 vor den Nazis aus Deutschland flohen. Wer den Preis erhält, muss von Juden aus aller Welt vorgeschlagen werden, darf selbst aber kein Jude sein. So stammen die Gutachten für Arntz und Dietermann aus den Niederlanden und der Schweiz, aus Großbritannien, Italien, Israel, Australien, Kanada und den USA.

30 Bücher in der Freizeit

Weltweite Kontakte haben die Forscher, weil sie häufig die Überlebenden und ihre Nachkommen ausfindig machen. Manchen haben sie damit auch zu einer Entschädigung oder Rente verholfen. "Der Dank dafür ist mehr wert als alle öffentliche Anerkennung", sagt Hans-Dieter Arntz, der über 30 Bücher veröffentlicht hat, darunter Standardwerke über die Juden in der Voreifel, über die Reichspogromnacht und über Deutsche, die jüdischen Flüchtlingen über die Eifel-Grenze nach Belgien halfen. Sein erstes großes Buch konnte erst erscheinen, als sich Heinrich Böll dafür einsetzte. Arnzt, heute 67, forschte und schrieb neben seinem Lehrerberuf. "Ich habe nur an neun Tagen in der Schule gefehlt", sagt der Pensionär stolz.

Ein Bunker, wo die Synagoge war

Auch Klaus Dietermann ist Lehrer. "Nebenbei" hat er einen "alternativen Stadtführer" für Siegen geschaffen, der die dunklen Seiten der Geschichte nicht ausspart und nach dem heute Stadtrundfahrten stattfinden. Vor allem aber baute er in Siegen das "Aktive Museum Südwestfalen" auf. Es hat seine Räume in einem Bunker, der auf den Trümmern der zerstörten Synagoge errichtet wurde. Vier Jahre lang kämpfte Dietermann um Räume in dem Bunker. Seither dokumentiert das Museum die Verfolgung von Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, Behinderten und Zeugen Jehovas in der Region. Drei bis viertausend Besucher zählt es jedes Jahr. Inzwischen hat sich die Ausstellung auf zwei Stockwerke ausgedehnt. "Wenn wir eine dritte Etage eröffnen, gehe ich in den Ruhestand", sagt Dietermann. Aber das ist nur ein Scherz.