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02.02.05
German Jewish History
Award der Obermayer Foundation:
Ehrung für Wolfram Kastner
Text zur Preisverleihung
Unruhe stiften ist Wolfram
Kastners Beruf. Mit seinen "Interventionen" provoziert der Künstler
Diskussion, wo vorher nur schweigende Stille war, aber nicht selten auch
Verbote und sogar persönliche Bedrohungen.
So wie bei seiner Aktion 1993
in München zur Erinnerung an die Reichsprogromnacht: Zwei als SAMänner
Uniformierte trieben fünf andere mit einem gelben Stern durch die
Fußgängerzone. "Politiker sagten 'Das ist nicht der Ort
für solche Aktionen"', erinnert sich Kastner. "Ich meine,
natürlich ist es der richtige Ort; es begann nicht in Auschwitz,
sondern mitten drin." Die an der Aktion Beteiligten erhielten Anklagen
und sogar Morddrohungen. Kastners Anwalt legte sein Mandat nieder. Er
selbst ließ sich nicht einschüchtern. "Nein, nein, nein",
wiederholt er langsam, und seine Stimme unterstreicht, dass Aufgeben nicht
in Frage kommt. "Das hieße Kapitulation."
Doch gezielte Provokation ist
nur ein Mittel des 57-Jährigen, der in München lebt. Er machte
politische Bildungsarbeit für Erwachsene, schrieb ein Buch über
Kreativität und gründete daneben einen eigenen Verlag und eine
Stiftung zur Erinnerung an den Sozialdemokraten Kurt Eisner. Kastner,
der Kunst, Germanistik, Psychologie, Soziologie, Kunstgeschichte, Pädagogik
und Politik studierte, malt und fotografiert. Und er macht Aktionen und
Installationen in der Öffentlichkeit zu einem breiten Themenspektrum
von Projekten zur Lage von Asylbewerbern bis zu antimilitaristischen
Aktionen. Sein Ansatz ist eindeutig interdisziplinär. "Ich will
als Künstler nicht der Solotänzer sein, der einzelne Geniale,"
erklärt er. "Ich will Menschen unmittelbar einbeziehen."
Rund 40 waren beteiligt bei
seinem letzten Projekt zur Erinnerung an Deportierte aus dem Münchner
Stadtteil Bogenhausen. Über ein Jahr forschte und recherchierte die
Gruppe. Mit Veranstaltungen und einer Ausstellung porträtierten sie
die Ermordeten nicht nur als Opfer, sondern als Menschen mit eigener
Geschichte. Kastner machte kostenlose Führungen mit großem
Zuspruch und arrangierte eine Installation: 17 weiße Koffer stellte
er auf die Straße, um an 17 deportierte Juden eines Hauses zu erinnern.
'Wenn die Menschen sehen, es geschah in ihrer Straße, kommt ihnen
das nahe; das löst Aufmerksamkeit aus und sensibilisiert", sagt
er.
An Kastners sensible Art erinnert
sich Samuel Golde aus München gut. Als seine Mutter starb, begann
der 45-Jährige die Vergangenheit seiner jüdischen Familie zu
erforschen, eine Geschichte von Leid und Vertreibung.
Kastner fuhr mit ihm zwei Mal
in die frühere Heimatstadt Schonungen in Süddeutschland, half
ihm Akten zu finden und Zeitzeugen zu befragen. "Er hat mich sehr
einfühlsam begleitet während dieses anstrengenden und emotionalen
Prozesses", erinnert ich Golde. "Es wäre sehr schwer für
mich gewesen, das allein zu machen."
Peter Jordan aus Manchester,
der von Kastner zu seinem Leben im Deutschland der dreißiger Jahre
interviewt wurde, sieht ein charakteristisches Motiv in den Arbeiten des
Künstlers: Es ist "sein Wunsch das individuelle Schicksal jüdischer
Menschen zu würdigen" und "die Erinnerung sichtbar zu machen,
an den Orten wo sie lebten und arbeiteten, in ihrer Nachbarschaft, an
ihren Schulen etc.", erklärt Jordan.
Doch damit kein Gras über
die Geschichte wächst, hat Kastner immer wieder die Grenze des Erlaubten
getestet. Zur Erinnerung an die Bücherverbrennungen 1933 fügte
er in mehreren deutschen Städten dem öffentlichem Grün
"Brandspuren" zu oder organisierte Lesungen aus einst verbotenen
Büchern. 'Wenn Kunst auf die Straße geht, ist das riskant,
aber auch spannend, weil die Menschen nicht wie im Museum wissen: ach,
ist ja eh nur Kunst", erklärt er.
Dafür erhält Kastner
regelmäßig Anzeigen. Verfolgt wurde er wegen Aktionen seit
1993 gegen die jährliche Gedenkfeier von SS- Veteranen auf dem Salzburger
Friedhof oder der Interventionen gegen anti-jüdische Darstellungen
an Kirchen wie in Regensburg. Er sprayte das Wort "Judensau",
um auf den kirchlichen Ursprung des von alten und neuen Nazis verwendeten
Schimpfworts hinzuweisen. 'Wolfram fasst die Probleme nicht mit Samthandschuhen
an, sein Ansatz ist schonungslos, direkt und oft mit persönlichem
und finanziellem Risiko verbunden", erklären Inge und Martin
Goldstein, die ihn seit 1995 kennen.
Zivilcourage konnte er sich
schon bei seiner Großmutter abschauen. Mit 14 trat sie illegal in
die SPD ein. Später, als ihr Mann 1933 ohne ihre Wissen Mitglied
bei der NSDAB wurde, ging sie zum Parteibüro und gab sein Mitgliedsbuch
wieder zurück.
"Meine Großmutter
war ein wichtiges Vorbild für mich", sagt er. 'Durch sie habe
ich gelernt, du kannst etwas machen und trotzdem passiert dir nichts."
So macht Wolfram Kastner trotz
aller Verbote, Anzeigen und Morddrohungen weiter. 'Ich hoffe nur, ich
werde 130 Jahre alt, so dass ich alle Projekte verwirklichen kann, für
die ich Ideen habe." sagt er.
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