HNA Online

Barbara Greve aus Lischeid erhält den Deutsch-Jüdischen Geschichtspreis

Hüterin der Erinnerung

20.01.10

Gilserberg/Berlin. Für die Schwälmer Geschichtsforscherin Barbara Greve ist es eine hohe Ehre: Als einzige Hessin erhält die 63-jährige Lehrerin aus Lischeid den Deutsch-Jüdischen Geschichtspreis der US-amerikanischen Obermayer-Stiftung.

Damit würdigt die Stiftung Barbara Greves herausragende Beiträge zur Dokumentation und zum Erhalt jüdischer Geschichte und Kultur.

„Der Preis bedeutet mir sehr viel“, sagt die Lischeiderin. „Im Geiste kann ich ihn an die Menschen weitergeben, denen ich einen Teil ihrer Geschichte zurückgeben konnte.“ Am 25. Januar erhält sie ihn gemeinsam mit vier weiteren Preisträgern im Berliner Abgeordnetenhaus.

Das Thema der jüdischen Nachbarn begleitet Barbara Greve bereits seit ihrer Kindheit in Berlin, wo sie sich mit einer jüdischen Mitschülerin anfreundete. Durch das Studium in Marburg stieß sie auf die Geschichte der Juden im Altkreis Ziegenhain. „Ich wollte wissen, wie sie lebten und was mit ihnen geschah“, sagt die Grundschullehrerin. Sie durchstöberte Archive, wälzte Geburtsregister, suchte nach alten Fotos und kontaktierte ehemalige jüdische Mitbürger in aller Welt. Daraus entstanden drei Bücher mit dem Titel „Heimatvertriebene Nachbarn“.

Dabei ist es ihr wichtig, auch manche Legenden richtig zu stellen: In Neukirchen zum Beispiel hieß es immer, dass nur neun Juden während des Holocaust deportiert worden seien: „Aber es wurden viel mehr Menschen vorher vertrieben oder deportiert. Es gab viel mehr Opfer, als man dachte.“

Unter dem Titel „Jeder Mensch hat einen Namen“ verfasste sie Kurzbiographien der jüdischen Einwohner von Neukirchen seit 1900. Dabei stellte sich heraus, dass damals mehr als 100 Juden im Ort lebten. „Über die Hälfte von ihnen kam ums Leben“, sagt Greve: „Sie waren einst Nachbarn, mit denen man spielte und die Jugend verbrachte. Aber sie wurden vergessen.“

Als Lehrerin in Rauschenberg initiierte sie ein interaktives Programm, bei dem Viertklässlern die Geschichte der Juden aus dem Ort vermittelt wurde. Sie hielt Vorträge und erklärte die Symbole und Rituale des Judentums – von Grabinschriften bis zur Bedeutung des Pessach.

Greve kennt heute, so sagt sie selbst, eigentlich jeden Juden, der zwischen 1600 und 1942 in der Schwalm gelebt hat. Neben ihrer Freundin aus der Kindheit lernte sie durch ihre Arbeit in die ganze Welt verstreute Nachfahren von Juden aus der Region kennen. Von ihnen wurde sie auch für den Preis vorgeschlagen: „Sie hat einzigartige und wertvolle Informationen über eine kleine, aber stolze und lebendige jüdische Landgemeinde in Hessen gerettet und dafür gesorgt, dass zukünftige Generationen ihre reichen Wurzeln kennen lernen können“, erklärt Marienne Duggan aus Australien. Und Elizabeth Levy, eine Nachfahrin von Juden aus Oberaula, ist dankbar, dass Greve „es geschafft hat, viele Stammbäume zu rekonstruieren und das Leben in den Dörfern wieder auferstehen zu lassen“.

Seit ihrer Pensionierung vor zwei Jahren hat sich die Lehrerin vor allem mit der Erforschung der Geschichte von drei Synagogen im Altkreis Ziegenhain beschäftigt.

Der Preis ist für Barbara Greve Motivation für weitere Arbeiten. Greve will den Lebensläufen der Juden in den Orten Oberaula und Frielendorf nachspüren: „Ich möchte ihnen ihre Geschichte zurückgeben.“

Von Gesa Coordes