MAAJAN DIE QUELLE
2004 / 1. Quartal
Die Verleihung der Obermayer - Auszeichnung 2003
von Rene Loeb
Liebe Leserin, lieber Leser
Seit langem habe ich nicht mehr zur Feder gegriffen um mich an Sie zu
wenden.
Darum ist es richtig, wenn Sie annehmen, dass dies heute ein besonderer
Anlass ist, wieder einmal ein paar Zeilen zu schreiben.
Dieser Anlass ist die seit 2001 jährlich vergebene Obermayer - Auszeichnung.
Diese Anerkennung soll deutsche Bürger auszeichnen, die sich um
die jüdische Geschichte, Kultur und Zeugnisse kümmern oder gekümmert
haben und so dazu beitragen, dass die jüdische Vergangenheit in ihrer
jeweiligen politischen Gemeinde nicht in Vergessenheit gerät.
Auch dieses Jahr fand die Vergabe im Januar im Berliner Abgeordnetenhaus
statt.
Unter den diesjährig Ausgezeichneten, finden sich zwei Persönlichkeiten
mit denen die Schweizerische Vereinigung für Jüdische Genealogie
seit Jahren engen Kontakt pflegt und sich aus dieser Zusammenarbeit auch
Freundschaften entwickelt haben, die beidseitig ihre positiven Spuren
hinterlassen.
Bei Christiane Walesch-Schneller hat die Schulfreundschaft mit der Tochter
eines Holocaustüberlebenden viele Fragen aufkommen lassen, welche
weder in der Schule, noch in der eigenen Familie beantwortet wurden. Bis
1998 blieben diese Gefühle der Unruhe beim Gedanken an die Nazi-Zeit.
Die Begegnung mit einem früheren Breisacher und dessen Hinweise
auf das ehemalige Jüdische Gemeindehaus im sogenannten ,B1auen Haus",
löste eine Lawine von aktivem Handeln in Frau Walesch aus. Es gelang
ihr, den Besitzer des "Blauen Hauses" davon zu überzeugen,
den vorgesehenen Abriss des Hauses hinauszuzögern und ihr die Chance
einzuräumen, Mittel und Wege zu finden, dieses Haus zu retten und
es gleichzeitig zu einem aktiven Zentrum des Gedenkens der früheren
Jüdischen Gemeinde in Breisach werden zu lassen.
Es wurde ein Verein gegründet und diesem gelang es im Jahre 2000
das Haus zu übernehmen und die Planung und Ausführung der Restauration
an die Hand zu nehmen.
Der Verein, mit heute 240 Mitgliedern, fördert in und um das gewesene
Jüdische Gemeindezentrum, die lokale deutsch-jüdische Geschichte,
organisiert Besuchs-und Austauschprogramme, bietet Symposien, Ausstellungen,
Vorträge und Konzerte an.
Die Initiative von Frau Walesch, für die Erhaltung und das Gedenken
der jüdischen Vergangenheit in Breisach, kann nicht hoch genug eingeschätzt
werden und die Obermayer-Auszeichnung ist eine wohlverdiente Anerkennung
für ihren unermüdlichen Einsatz zur Förderunge von lebendigen
Beziehungen und dem Dialog zwischen der jetzigen Bevölkerung und
den neu nach Breisach gezogenen jüdischen Familien.
Wie so oft, spielte auch bei Jürgen Sielemann der Zufall mit, dass
er sich seit Jahrzehnten so intensiv mit der Geschichte der Juden in Hamburg
befasst.
Als er 1966 zum Staatsarchiv Hamburg kam, wählte er den Bereich
Juden und andere Minderheiten zu seinem Arbeitsgebiet. Ein Aufgabenbereich
mit Themen die nicht nur in Deutschland gerne verdrängt wurden und
werden.
Die Anfragen und persönlichen Kontakte die sich insbesondere mit
den Nachkommen und früheren jüdischen Einwohnern Hamburgs aus
dieser gewählten Tätigkeit ergaben, gewährten Jürgen
immer mehr Einblick in die Vergangenheit der jüdischen Gemeinden
Deutschlands und als Mensch war er je länger je mehr betroffen von
Handlungen welches ein unmenschliches Regime im Namen des Volkes anzurichten
im Stande war. Daher wurde es sein Anliegen, über die Geschichte
der Hamburger Juden, ihre Gemeinden und über die entsprechend vorhandenen
Quellen im Hamburger Staatsarchiv zu orientieren und zu berichten. Seine
zahlreichen Vorträge, Aufsätze und sein Einsatz zum Erstellen
des Gedenkbuches zum Andenken der Hamburger jüdischen Opfer des Nationalsozialismus
zeugen von seinem immensen Einsatz für eine Sache die ihm sehr am
Herzen liegt. Immer wieder nimmt er Veranstaltungen der International
Association of Jewish Genealogy Societies teil. An einem solchen Anlass
in London 1987 war es mir vergönnt seine Bekanntschaft zu machen,
welche sich zu einer schönen Freundschaft entwickelt hat.
Es gelang ihm in Hamburg die einzige heute ausserhalb der Schweiz, bestehende
und florierende Jüdisch-Genealogische Vereinigung zu gründen
und sie erfolgreich zu entwickeln. Mich freut es natürlich besonders,
dass die SVJG bereit war, der Hamburger Schwestergesellschaft ein Sprachrohr
in Form eigener Seiten in "MAAJAN - Die Quelle", zu bieten.Deine
sprichwörtliche Bescheidenheit, lieber Jürgen, und Deine Ablehnung
öffentlicher Ehrenbezeugungen, insbesondere solchen aus Deutschland
selber, haben Dich lange zögern lassen diese Auszeichnung anzunehmen.
Um so mehr hat es mich gefreut, dass Du diese angenommen hast. Ist es
doch gleichzeitig eine Anerkennung für deine Frau Hannelore und eure
Tochter, welche doch des öftern arg durch das besondere Engagement
ihres Gatten und Vaters mit gefordert waren, denn die Freizeit wurde mehr
als das man sich das vorstellen kann, für dieses Engagement mit einbezogen.
Mit Dir hoffe ich, dass es uns gelingen wird, in naher Zukunft, wieder
eine gesamtdeutsche Jüdische Genealogische Gesellschaft auf die Beine
zu stellen und auch im benachbarten Österreich diesem jüdischen
Ge-schichtszweig wieder eine Grundlage zu beschaffen und somit den deutschsprachigen
Raum wieder vermehrt im jüdisch-genealogischen Chor mitsprechen zu
lassen.
Liebe Leserin, lieber Leser wenn auch Sie Leute kennen die sich engagiert
dafür einsetzen, dass die Geschichte der Juden in Deutschland vor
dem Holocaust nicht in irgendwelchen Archiven und Institutionen ungenützt
dahin vegetiert, dann helfen Sie mit diesen Menschen für Ihre unermessliche
Arbeit eine kleine Anerkennung zuteil werden zu lassen und melden Sie
diese der Obermayer Foundation Inc., 239 Chestnut Street, Newton, Massachusetts
02465/USA. Sie finden auch eine entsprechende Seite im Internet unter
http://www.obermayer.us/award.
Allen diesjährigen Preisträgern wünschen wir für
die Zukunft Gesundheit und Wohlergehen.
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