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Rede anlässlich
der Einweihung des Jüdischen Museums Creglingen
Arthur Sinsheimer Obermayer
(Übersetzung: Martin Heuwinkel, Creglingen)
19. November 2000
Ich
freue mich, hier zu sein, um diesen Meilenstein bei der Erstellung des
Jüdischen Museums Creglingen zu feiern. Meine Vorfahren lebten während
des 17. Jahrhunderts vor neun, zehn und elf Generationen an dieser Stelle.
Somit ist es für mich eine besondere Ehre, mit beitragen zu können, die
Kluft zwischen Vergangenheit und Zukunft zu überbrücken.
Es
ist weniger als zwei Jahre her, seit ich eine Email von Claudia Heuwinkel
erhielt, die meine Vorfahren mit Badgasse 3 in Verbindung brachte. Die
meiste Zeit meines Lebens habe ich meine Vorfahren soweit wie möglich
zurückverfolgen wollen, erfahren wollen, wo sie herkamen und was sie taten.
Letztendlich wäre ich nicht hier, wenn sie nicht existiert hätten. Gegen
Ende des 19. Jahrhunderts verließ mein Großvater Creglingen und meine
Großmutter Archshofen. Sie heirateten, nachdem sie in die USA kamen. Als
Kind verlebte meine Mutter bei Verwandtschaftsbesuchen eine Reihe glücklicher
Sommer in Creglingen. Ich habe noch die alten Postkarten, die sie in den
frühen Jahren des 20. Jahrhunderts erhielt und die besonders die Ansicht
der Hauptstrasse mit dem Laden, auf dem in großen Buchstaben A. Sinsheimer
steht, bewahren. Durch Claudia Heuwinkels historische Forschung wurde
es mir möglich, die Häuser, in denen meine Vorfahren lebten, zu bestimmen
und zu erfahren, was sie taten. Ich habe einen Stadtplan von Creglingen,
auf dem jedes dieser Häuser eingetragen ist. Die Lebensgeschichten verbinden
meine Vorfahren mit der ganzen Gemeinde. Einige der Geschichten sind sehr
nett und ganz positiv und einige würde ich nicht wiederholen wollen, wenn
sie nicht vor Jahrhunderten geschehen wären, aber sie alle gehören zum
Stoff des hiesigen Lebens. Einige meiner Vorfahren waren Vorsteher der
Jüdischen Gemeinde. Einer gründete eine Stiftung, um den Armen zu helfen,
eine andere Verwandte von mir wurde von ihren Eltern im Dachboden des
Hauses Badgasse 3 eingeschlossen, weil sie an "Böswilligkeit und
Nymphomanie" litt, wie die Aufzeichnungen aus dem 18. Jahrhundert
zeigen. Einer meiner Ur-Urgroßväter bekam 1823 einen unehelichen Sohn,
dessen Nachkommen in Badgasse 3 lebten. Die Personalisierung ist das,
was den Unterschied dieses Museums zu größeren Museen ausmachen kann.
Die
kommende Herausforderung wird sein, dieses Museum zu einem bedeutungsvollen
Denkmal für das Leben und die gesellschaftlichen Beiträge der Juden zu
machen, die Mitglieder dieser Gemeinde waren und für die weitergehenden
Beiträge ihrer Nachkommen, die nun in anderen Teilen der Welt leben oder
gelebt haben.
Unser
Ziel bestand von Anfang an darin, auf das jüdische Leben hier abzuzielen
- wo die Juden wohnten, wo sie arbeiteten, wie sie an Gemeinschaftsaktivitäten
teilnahmen und was mit ihnen während des Dritten Reichs geschah. Sie waren
Menschen, die bedeutsame Leben führten; wir trauern um sie, aber ihr Verlust
wird umso bedeutsamer, wenn wir ihre Leben anerkennen. Um die vollständigen
Auswirkungen des Exodus der Creglinger Juden zu verstehen, soll das Museum
auch von den gesellschaftlichen Beiträgen und Tätigkeiten ihrer Nachkommen
in ihrer neuen Heimat in anderen Teilen der Welt handeln. Zum Beispiel
lebten hier die Vorfahren von Ralph Blumenfeld. Er war 28 Jahre lang der
Herausgeber des "London Daily Express", zu seiner Zeit die weltweit
zweitgrößte englischsprachige Zeitung. Es ist klar, was Creglingen verlor,
als es seine jüdische Bevölkerung verlor. Das Museum soll vom Leben der
Menschen und ihren Erfahrungen handeln. Es soll die Gebräuche und Zeremonien
der Juden darstellen. Es soll Quellen in Bezug auf die früheren Creglinger
Juden bereitstellen, Ausstellungsstücke zeigen und es soll Bildungsprogramme
für Schüler und Erwachsene der ganzen Region bieten. Es soll den Holocaust
ehrlich, direkt und umfassend behandeln, aber vor allem soll das Museum
insgesamt eine positive Blickrichtung auf das Leben statt einer negativen
auf den Tod haben.
Es
ist Hitler gelungen, sechs Millionen Juden während des Holocaust zu töten.
Seine "Endlösung" beinhaltete Pläne, Museen zu errichten, um
die ausgestorbene Rasse der Juden zu beschreiben. Aber Hitlers größter
Misserfolg war, dass Juden heute leben und lieben, sich weiterentwickeln
und weiterwachsen, teilhaben und gesellschaftliche Beiträge leisten. Hitler
konnte die Welt nicht "judenfrei" machen. Unser Überleben ist
unser Erfolg. In diesem Sinne passt auch unser traditioneller hebräischer
Trinkspruch , "L ' Chaim - Auf das Leben!".
Zu
viele Deutsche sehen Juden noch immer als Objekte oder Opfer und nicht
als Menschen. Sie erstellen lieber Gedenktafeln und Gebäude, als einzelne
Juden mit menschlichen Zügen und Emotionen zu verbinden und kennen zu
lernen. Die Absicht des Museums soll sein, den Wert und die Würde der
Juden hervorzuheben. Photos von toten Juden stehen für das Ende des Lebens,
nicht aber für die Gesamtheit und die Fülle eines Menschenlebens. Ich
fühle mich sehr unwohl, wenn ich das Bild meines Onkels Rudolph ohne Hemd
und mit heruntergezogener Hose sehe, das die Verletzungen zeigt, die er
am 25. März 1933 erlitt. Er selbst hätte dieses Photo als demütigend und
beschämend empfunden. Er war ein stolzer Mann, der in seinem Leben viel
geschaffen hat. Er würde sich in seinem Grab umdrehen, wenn er wüsste,
wie seine Photographie heute in der deutschen Berichterstattung verwendet
wird. Das Bild meines Onkels Rudolph, auf dem er den Orden trägt, den
er für seine Dienstleistung in der Armee des Kaisers erhielt, wäre für
das Creglinger Museum eine bedeutungsvollere Photographie. 1937 kam Onkel
Rudolph anlässlich der "bar mitzvah" meines Bruders in die Vereinigten
Staaten, kehrte aber freiwillig nach Deutschland zurück, weil dies sein
Vaterland war. 1941 konnte er über Spanien entkommen.
Während
des letzten Jahres konnte ich feststellen, dass fast jeder Jude, den ich
traf es ausdrücklich unterstützt, die Bedeutung des Lebens und die gesellschaftlichen
Beiträge der Juden hervorzuheben statt ausschließlich darauf zu beharren
darzustellen, wie sie getötet wurden. Viele von Ihnen kennen in diesem
Zusammenhang die ergänzenden Briefe von Dr. Prof. Jehuda Reinharz, Präsident
der Brandeis Universität, von Prof. Dr. Ruth Gay, der weltbekannten Expertin
für deutsch-jüdische Geschichte und Herrn Kenneth Bialkin, Präsident der
American Jewish Historical Society. Diese bedeutenden amerikanischen Juden
haben ein spezielles Interesse an Deutschland, aber Ihre Ansichten sind
auch typisch für die jüdische Sichtweise in Amerika.
An
dieser Stelle möchte ich gerne etwas mehr über meinen deutschen Hintergrund
sagen. Meine vier Großeltern wurden alle in Süddeutschland geboren, meine
Eltern hingegen wurden in den USA geboren. Die meisten meiner Verwandten
litten ungeheuer während des Dritten Reichs. Zuvor erwähnte ich meinen
Onkel Rudolph. Seine Frau starb am 25. März 1933 an einem Herzinfarkt
in Folge des Traumas. Meine Großtante Rosa Sinsheimer wurde 1943 in einem
Todeslager ermordet. Mindestens fünf der 16 Juden, die am 25. März misshandelt
wurden, waren Verwandte von mir und ein Teil ihrer Nachkommen hat bedeutende
Beiträge zu diesem Museum geleistet. Zum Beispiel gehört die Enkelin von
Adolph Oberndoerfer, die während der Hitlerzeit aus Deutschland floh,
zu den größten amerikanischen Spendern für das Museum. Nebenbei, die anderen
drei der vier größten jüdischen Spender für das Museum sind heute hier
und der zweitgrößte Spender ist auch ein Nachkomme der 16 Juden des 25.
März. Ein weiterer großer Spender, Manfred Bloch, ist heute mit seiner
Ehefrau Sonya hier. Er wurde in Berlin geboren und wuchs dort auf, entkam
nach Palästina, bekämpfte Rommels Kräfte mit der britischen Armee in Nordafrika,
dann kämpfte er im israelischen Unabhängigkeitskrieg, bevor er in die
USA kam. Er meinte, dass die Vision für dieses Museum die richtige sei
und beteiligte sich, weil er seine persönliche Unterstützung demonstrieren
wollte. Der andere große amerikanische jüdische Spender hier und heute
ist Joe Mendelsohn. Er hat Verbindungen zu den am 25. März 1933 ermordeten
Juden. Der Name seiner Urgroßmutter war Rosenfelder und sie war mit der
Ehefrau Hermann Sterns verwandt.
Ich
meine, dass es wichtig ist, dass Sie wissen, dass unsere Familien im Holocaust
gelitten haben. Jedoch ist es 55 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs
und die meisten von Ihnen wurden nach dieser fürchterlichen Zeit der deutschen
Geschichte geboren. Sie haben sich Ihre Großeltern nicht ausgesucht und
Sie sollten nach Ihren eigenen Werten und Taten und nicht nach denen Ihrer
Vorfahren beurteilt werden. In der Tat gibt es eine kollektive deutsche
Verantwortlichkeit, offen und ehrlich mit der Vergangenheit umzugehen,
aber es gibt keinen Grund, weshalb jüngere Deutsche Schuldgefühle haben
sollten. Es gibt einige Menschen in Ihrem Land, die Erfolg damit haben,
junge Deutsche dazu zu bringen, sich für die Sünden ihrer Vorfahren schuldig
zu fühlen. Ich habe das Gefühl, dass das zu Groll und Widerstand führen
kann.
Einer
der attraktivsten Aspekte dieses Museums ist, dass es ein Gemeinschaftsprojekt
von Deutschen und Juden ist. Viele Personen aus der Gemeinde und der Region
haben großzügig ihre Zeit und ihre Unterstützung eingebracht. Auch die
Stadt ist ein größerer Spender für dieses Projekt gewesen und Bürgermeister
Holzwarth und andere Vorstandsmitglieder haben seinem Erfolg unzählige
Stunden gewidmet. Dies symbolisiert den Prozess der Versöhnung, den das
Museum fördern soll.
Was
vor nicht einmal zwei Jahren nur eine Idee war, ist jetzt dabei, Realität
zu werden und was als ein genealogisches Unterfangen begann, wandelt sich
jetzt in eine Quelle der Versöhnung.
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